kino Zwei Welten in einem Bild

»Uzak«, das Meisterwerk des Filmregisseurs Nuri Bilge Ceylan, ist ein großes Gemälde der Türkei von heute

Alle paar Jahre gibt es solche Bilder, die wie aus dem Nichts auftauchen, deren Stimmungen sich über Jahre hinweg im Gedächtnis einprägen, weil sie nur in diesem einen Film zu finden sind. Mit der unglaublichen Weite seiner Totalen brachte der türkische Wettbewerbsbeitrag vor zwei Jahren die Bildermaschine von Cannes aus dem Takt, riss die Kritik zu Jubelstürmen hin und gewann den Großen Preis der Jury.

Von der ersten Einstellung an nimmt sich der Regisseur Nuri Bilge Ceylan die Zeit, die es nun einmal braucht, um in den Rhythmus eines Lebens zu kommen. In seinem Film verbinden sich urbane und ländliche Lebensweisen, Stadtpanoramen und einsame Landschaften zu einem großen Gemälde der heutigen Türkei. Uzak erzählt von der Kluft zwischen Großstadt und Land, von der Verachtung des etablierten Städters für den tumben Verwandten aus dem Dorf und gelangt nach und nach zum Sittenbild einer seltsam verstörten Gesellschaft.

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Mit einer kleinen Sporttasche kommt Yusuf aus der türkischen Provinz nach Istanbul. Er will auf einem Schiff anheuern, ferne Welten kennen lernen und das Ersparte nach Hause schicken. Bei seinem Cousin Mahmut, der schon seit Jahren als erfolgreicher Fotograf in der Hauptstadt lebt, kann er für ein paar Tage unterkommen. Wortlos, mürrisch, unbeteiligt leben die beiden Männer in der Wohnung nebeneinander her. Wo andere Regisseure Diskrepanzen und Unstimmigkeiten in Schnitt und Gegenschnitt auflösen würden, beharrt Ceylan auch in den Innenräumen auf der Offenheit seiner Totalen. Yusuf und Mahmut leben in derselben Stadt, in derselben Wohnung, denselben Bildern. Dennoch bleiben sie in zwei Parallellwelten, getrennt durch abschätzende Blicke, unterschiedliche Körperhaltungen und ein Schweigen, das sich über die Dächer des winterlichen Istanbul auszubreiten scheint. Während der eine den ganzen Film über denselben Polyesterpulli trägt und im trostlos verschneiten Hafen nach Arbeit sucht, hegt der andere in feinen Kaffeehäusern den Zynismus des gescheiterten Künstlers. Längst hat der Fotograf mit dem Großstadt- und Karriereleben abgeschlossen, nach dem sein Cousin noch immer verzweifelt strebt.

Manchmal dringen die Schiffssirenen vom nahe gelegenen Bosporus in Mahmuts Wohnung, vermischt sich das Brummen des Großstadtverkehrs mit dem Gedudel des bis spät in die Nacht laufenden Fernsehers. Über die Tonspur und Gespräche am Rande öffnet sich dieser Film auch für das Leben jenseits seiner Einstellungen. Ein Anruf von Mahmuts Exfrau sagt alles über dessen Vergangenheit, Yusufs Vater erzählt am Telefon, dass er wie die anderen Dorfbewohner durch eine Fabrikschließung arbeitslos geworden ist. Um den Nachhall solcher beiläufigen Informationen geht es in Uzak.

Ceylan lässt sich ein auf die Lethargie des Vetters, der einst große Pläne hatte, auf die kreisende Bewegung des jungen Mannes, für den es kein Vorwärtskommen in der Stadt und keine Umkehr mehr in die Heimat gibt. Melancholie und Aussichtslosigkeit der Helden mögen den Rhythmus von Uzak bestimmen, doch der Film selbst dreht sich nicht im Kreise. Er ist wie das Windspiel am Fenster, dessen Melodie tröstend von anderen Rhythmen, größeren Kreisläufen und Bewegungen erzählt.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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  • Schlagworte Kino | Film | Bosporus | Türkei | Regisseur | Einstellung | Istanbul
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