Arbeitsrecht
Aufruf zum Kassenkampf
Das »Schwarz-Buch Lidl« prangert die Arbeitsbedingungen in den Läden an – wie es eine Broschüre der Gewerkschaft ver.di zum Bestseller schaffte
Den Gewerkschaften geht es schlecht. Innerhalb eines Jahrzehnts kehrten ihnen fast drei Millionen Mitglieder den Rücken. Und die Schwindsucht geht unvermindert fort. Letzte Woche veröffentlichte der DGB neue Zahlen. Dramatische: Im letzten Jahr verloren die Arbeitnehmerorganisationen abermals fast 350.000 Mitglieder.
Vor diesem Hintergrund ist sie schon etwas befremdlich: diese gute, sehr gute Laune an der Spree, beim Bundesvorstand von ver.di in Berlin. »Wir haben noch einen Champagner im Kühlschrank«, sagt Agnes Schreieder. »Und wir werden ihn in den nächsten Tagen trinken.« Die Gewerkschaftssekretärin weiß, dass sie einen spektakulären Coup gelandet hat. Mit dem Autor Andreas Hamann, selbst Gewerkschaftsmitglied, hat sie das Schwarz-Buch Lidl auf den Weg gebracht, das derzeit wie keine andere Aktion der Arbeitnehmer für Furore sorgt. Kurz nach Erscheinen am 10. Dezember waren alle 8.000 Exemplare der Publikation vergriffen, ver.di musste noch vor Weihnachten eine zweite Auflage drucken.
Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbares, kleines Heft: knapp hundert Seiten Schwarzweißdruck, mit einem schwarzen Umschlag, auf dem das gelb-blau-rote Lidl-Logo prangt. Es ist symbolträchtig verändert worden, der letzte Buchstabe droht in den schwarzen Abgrund zu kippen. Die Illustrationen sind allseits vertraut: Lidl-Filialen, Lidl-Reklame, Lidl-Tüten. Die ganze Welt ist Lidl. Ganz Unrecht haben die Gewerkschafter da nicht: Mit etwa 2.500 Filialen ist der rasant wachsende Konzern mittlerweile in fast jeder Kleinstadt vertreten; und nahezu so umsatzstark wie Aldi, der Spitzenreiter unter den Billigdiscountern.
Kassiererinnen, Filial- und Verkaufsleiter sprechen im Schwarz-Buch von ihrem Arbeitsalltag. In Interviews, kleinen Reportagen und eigenhändig verfassten Berichten erzählen die anonymen Christina C.s und Volker K.s von Drill und Hetze in ihrem Job. Der Discounter verhindere systematisch die Gründung von Betriebsräten, berichten sie. Misstrauische Vorgesetzte, zu Mobbing-Experten dressiert, sollen auf der Suche nach Diebesgut die Spinde der Kassiererinnen aufbrechen; Kameras würden in den Läden jeden Handgriff der Mitarbeiter erfassen.
Gerissene Testkäufer des Konzerns notieren fleißig, wenn einer Kassiererin das »Dankeschön und auf Wiedersehen« nach dem rasend schnellen Durchscannen der Ware nicht freundlich genug über die Lippen geht, klagt im Schwarz-Buch eine Verkäuferin. Auch aus tschechischen Filialen erfahren wir Unschönes. Stirnbänder gebe es dort für Kassiererinnen, die damit während ihrer Menstruation ohne besondere Erlaubnis die Toilette aufsuchen dürfen.
»Es gibt eine lückenlose Kontrolle jedes Arbeitsschrittes. Und das in fast jeder Filiale«, sagt Agnes Schreieder. »Und wenn Lidl einen Mitarbeiter rausschmeißen will – etwa, weil er zu teuer geworden ist oder einen Betriebsrat gründen will –, dann werden regelrechte Kreuzverhöre durchgeführt. Die Leute werden so lange traktiert, bis sie einen Aufhebungsvertrag ihrer Beschäftigung unterschreiben. Das sind keine Einzelfälle. Das sind die Betriebsstrukturen des Konzerns.«
Agnes Schreieder stutzt kurz; so, als sei ihr die eigene Empörung eine Spur zu pathetisch, lächelt dann Andreas Hamann an. Mit seinem mächtigen Oberlippenbart und seiner grauen Übergangsjacke erinnert er an einen Gewerkschafter der alten Garde. Man kann ihn sich gut mit einer Trillerpfeife am Glühweinkessel vor den Toren eines bestreikten Betriebs vorstellen, kettenrauchend.
Nur in sieben von 2.500 Filialen gibt es einen Betriebsrat
»Unsere Aktion«, erzählt Schreieder, »hat nichts mit Sozialromantik zu tun. Das sind Fakten. Wir haben recherchiert.« Sie spielt mit der Rechten kurz an einem Knopf ihres schwarzen Kostüms. Ihre Lippen sind in starkem Rot gefärbt. Sie trägt dezente Perlenohrringe. »Wir haben erste Erfolge. Der Konzern sorgt sich jetzt um sein Image, schaltet jetzt sogar Fernsehspots, sucht bundesweit Lehrlinge.«
Um das eigene Image musste sich Lidl in den letzten Jahren nicht sonderlich kümmern. Einstmals überwiegend in sozialen Brennpunkten angesiedelt, gelten Billigdiscounter spätestens seit den Neunzigern schichtenübergreifend als schick. Die Schnäppchenjagd ist ein Volkssport geworden, innerhalb eines Jahrzehnts schwoll der kleine Familienkonzern zu einem europäischen Imperium an. Und das mit minimaler Öffentlichkeitsarbeit: Von Dieter Schwarz, dem Patriarchen der Lidl-Discounter, kursiert lediglich ein vergilbtes Foto aus den frühen Achtzigern, Interviews lehnt er strikt ab. Wirtschaftsdaten hat das Unternehmensgeflecht bis Dezember 2004 so gut wie nie veröffentlicht.
Agnes Schreieder und Andreas Hamann haben einen unsichtbaren Gegner. Denn die Schwarz-Gruppe besteht aus über 600 Gesellschaften. Das Konglomerat aus GmbHs, Stiftungen und Regionalniederlassungen sei »ein bewusst geschaffenes Nirwana«, klagen die Gewerkschafter. Um die Gründung von Betriebsräten im Keim zu ersticken, nähme der Konzern kurzfristig Umfirmierungen, Neugründungen und Ausgliederungen einzelner Betriebssparten vor. Aus Gewerkschaftssicht ist Lidl ein vermintes Gelände, lediglich sieben Betriebsräte konnten in den Lidl-Filialen bisher gegründet werden.
Lidl wies die Vorwürfe der Gewerkschaft zwar umgehend zurück, sprach von einer »Diffamierungskampagne«, ließ es aber auf eine gerichtliche Auseinandersetzung bisher nicht ankommen. Doch die Discounterkette bewegt sich. Dass sie kürzlich mit Engel& Zimmermann eine renommierte, auf Krisenbewältigung und PR-Arbeit spezialisierte Werbeagentur eingeschaltet hat, um das Bild des Konzerns aufzupolieren, kommt einer betriebsinternen Revolution gleich.
»Wir haben Lidl mit unserem investigativen Journalismus herausgefordert«, erklärt Andreas Hamann. Er hält kurz inne, blickt dann von der Empore, auf der wir sitzen, in das spärlich besuchte Foyer der neuen Vorstandszentrale. Er erinnert sich: »Das Ganze fing damit an, dass ich verwundert war, als vor meiner Haustür ein neuer Lidl-Laden aufmachte. Ich merkte sofort, da geht was ab, was ich so noch nie gesehen hatte. Dieser Stress der Kassiererinnen… Die beugten sich immer tief über ihre Kasse, um hektisch zu überprüfen, dass ja nichts mehr im Einkaufswagen liegt. Die hatten Angst vor Testkäufern, vor Abmahnungen.«
Kassiererinnen haben sich ihren Frust von der Seele geredet
Um das »System Lidl«, wie Hamann die Personalpolitik des Discounters nennt, zu durchschauen, sprachen die Gewerkschafter unvermittelt Kassiererinnen an, drückten ihnen an der Kasse Ver.di-Broschüren in die Hand. »Viele wollten sich den Frust von der Seele reden«, erinnert sich Hamann, »wir haben sie dann in Kneipen getroffen und ihre Erlebnisse aufgeschrieben.« So entstanden die ersten kleinen Broschüren über das Betriebsklima bei Lidl, gewissermaßen die Vorläufer des Schwarz-Buchs. »Und dann entstand ein Schneeballeffekt. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich so viele Kassiererinnen, so viele brisante Hinweise trudelten per Post ein, auch von unzufriedenen Vorgesetzten, da drängte sich das Schwarz-Buch regelrecht auf.«
Die ver.di-Publikation ist ein Krisenphänomen, »denn mit anderen Mitteln«, so Agnes Schreieder, »kommen Gewerkschaften an global agierende Unternehmen einfach nicht mehr ran«. Sorgt das Schwarz-Buch auch für eine Imageverbesserung von Gewerkschaftsarbeit selbst? Ist es ein Hoffnungsschimmer in einer Medienlandschaft, in der Streiks wie anachronistische Rituale wirken, die man bei Fernsehberichten wegzappt; und in der Funktionäre vom Lebensmilieu derer, die sie vertreten, weit entfernt erscheinen?
So etwa immer wieder am Sonntagabend in der Sendung Sabine Christiansen, einem Garant für schlechte Laune. Ewig kreist die Sendung um den Reformstau des Landes. Und schnell sind diejenigen ausgemacht, die einen besonders melancholisch stimmen: die Gewerkschafter. Immer stehen sie mit dem Rücken zur Wand, gelten sie doch in der Reformdebatte als die Blockierer der Republik, als Betonköpfe, als die Ewiggestrigen. Ihre Klassenkampf-Rhetorik wird regelmäßig belächelt.
Für den 54-jährigen Andreas Hamann ist die neue, aggressive Medienmacht, die ver.di mit dem Schwarz-Buch entfaltet, ein Erfolgsrezept. Denn das Schwarz-Buch sorge für frischen Wind in eingefahrenen Gewerkschaftsstrukturen: »Und wäre ich jünger, ich wäre bestimmt noch weiter gegangen, hätte mich in den Betrieb eingeschleust, wie früher Günter Wallraff!«
Agnes Schreieder ist deutlich jünger, 37. Vorsichtig sagt sie: »Ich organisiere auch Kundgebungen und Streiks. Und auch Fernsehauftritte sind für uns wichtig. Aber für den nächsten 1.Mai habe ich tatsächlich einen anderen Traum, dann wollen wir das Europa-Lidl-Schwarz-Buch veröffentlichen. Und Schwarz-Bücher über Aldi und Schlecker sind auch auf dem Weg. Das ist ein machtvolles Instrument.«
Verspürt sie persönliche Genugtuung bei dem Spiel »David gegen Goliath«? Beim Kampf gegen mächtige Konzerne, die Gewerkschaftsarbeit bisher erfolgreich ignoriert haben? Und die zudem mit allgemeiner Sympathie bedacht wurden, sorgen sie doch für neue Jobs und niedrige Preise. »Genugtuung«, sagt sie konzentriert, »das ist etwas anderes. Genugtuung bereitet mir, wenn die Kassiererin um die Ecke wieder Hoffnung schöpft, wenn wir sie wieder erreichen. Denn wir haben früher Fehler gemacht. Wir hätten solche Aktionen längst anleiern sollen.«
Agnes Schreieder schaut auf ihre Armbanduhr. Zeit für die Mittagspause. »Ich war vor kurzem in den USA«, erzählt sie zum Abschluss. Dort könne man viel lernen. »Ausgerechnet da!«
Denn in einem Land, in dem es kaum noch Gewerkschaften gibt, entstehe wieder Begeisterung: für Solidarität und Engagement. Und das habe man in Deutschland vielleicht wirklich verlernt: Begeisterung zu entfachen. »Das können wir uns nicht mehr leisten. An manchen Stellen, wie bei Lidl, müssen wir einfach wieder von vorn anfangen.«
- Datum 29.1.2009 - 16:01 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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