wandern Mein Vater und ich im Wald
Der Lieserpfad in der Eifel führt vorbei an Burgen und Vulkanen. Eine Zwei-Tage-Tour auf dem schönsten Wanderweg der Welt
Weil Harald Schmidt vergangenes Jahr eine »Kreativpause« einlegte, musste auch sein Redaktionsleiter und getreuer Beisitzer Urlaub vom Bildschirm nehmen. manuel Andrack, 39, zog robustes Schuhwerk an und zurrte den Rucksack fest. Wie schon so oft seit 1997, als er das Rauchen aufgegeben und sich ein Fitness-Programm verordnet hatte, zog er übers Gebirg. Er erkundete die Natur zwischen Hunsrück und Böhmischer Schweiz. Zurück im heimischen Köln, schrieb er seine Erfahrungen auf über ergonomische Wanderbänke, das Singen im Wald, sehr schöne und sehr doofe Feldwege. Am 23. Februar erscheint sein Buch »Du musst wandern. Ohne Stock und Hut im deutschen Mittelgebirge« (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005; 218 S., 8,90 €). In unserem Vorabdruck erzählt Manuel Andrack, warum er sich einmal sehr gefreut hat, mit seinem Vater durch die Eifel zu stiefeln
Der Lieserpfad ist der schönste Wanderweg der Eifel. Die Eifel ist das schönste Mittelgebirge Deutschlands. Deutschland ist das beste Wanderland der Welt. Also ist der Lieserpfad der schönste Wanderweg der Welt. Quod erat demonstrandum.
Sicher, man könnte das eine oder andere gegen diese Beweiskette einwenden. Aber für mich ist ja auch der Kölner Dom die schönste Kirche der Welt, der 1. FC Köln der beste Fußballverein der Welt und Kölsch das leckerste Bier.
Ich bin in Köln geboren. Und das größte zusammenhängende Waldstück Kölns ist der Königsforst, durchzogen von einem dichten Netz von Wanderwegen. Dort wurde ich als Kind wandermäßig sozialisiert. In meiner Erinnerung habe ich mit meinen Eltern jedes Wochenende eine Radtour oder eine Wanderung auf Waldschneisen von fünf bis acht Meter Breite durch den Königsforst gemacht. Das waren »Kaffeetanten-Wege«, wo man auf viele ältere Damen und Herren traf, die sich nach der dritten Schwarzwälder Kirschtorte einen kleinen Verdauungsspaziergang gönnten. Heute noch empfinde ich solche Waldautobahnen als Höchststrafe für jeden Wanderer. Sie sind nur im Jogging-Tempo oder auf dem Fahrrad zu ertragen. Zum Wandern sind sie eine Qual, da man schon nach kurzer Zeit ganz stumpf im Kopf wird.
Als Kind wollte ich »spannende Wege«, das genaue Gegenteil von »Kaffeetanten-Wegen«. Nicht schnurgerade, sondern verschlungen, sodass man nicht genau wusste, was einen hinter der nächsten Kurve erwartete.
Den Lieserpfad schenkte ich meinem Vater zu seinem 67. Geburtstag als ein Wander-Rundum-Erlebnis. Obwohl er aus Trier stammt, war er dort noch nie gewandert. Ich war entsetzt: Mein eigener Vater kannte den schönsten Wanderweg der Welt nicht!
Der Lieserpfad ist Teil des Hauptwanderwegs 3 des Eifelvereins. Der Hauptwanderweg 3, auch Erft-Lieser-Weg genannt, verläuft über 138 Kilometer von Euskirchen bis zum Dorf Lieser an der Mosel. Das schönste Stück dieses Weges befindet sich zwischen Daun und Manderscheid (Oberer Lieserpfad) und Manderscheid und Wittlich (Unterer Lieserpfad).
Die Gesamtlänge zwischen Daun und Wittlich beträgt genau 40 Kilometer, was locker an einem Tag zu bewältigen ist. Doch ich wollte meinen Vater nicht quälen, sodass wir beschlossen, den Weg in zwei Etappen zu gehen.
Um 11.20 Uhr trafen wir uns am Kölner Hauptbahnhof, um in den Eifel-Express in Richtung Trier zu steigen. Mein Vater ist kein Frühaufsteher und lässt sich morgens nicht gerne hetzen. Darauf hatte ich selbstverständlich Rücksicht genommen, schließlich war die Wanderung ein Geburtstagsgeschenk.
In Gerolstein stiegen wir um in den Bus in Richtung Daun. Wir setzten uns auf die Bank vorne im Bus, hinter den Fahrer, da mir beim Busfahren schnell übel wird. Ich war überrascht, wie höflich die einheimische Bevölkerung war. Jeder Fahrgast, egal, ob jung oder alt, hat sich von uns und dem Fahrer beim Aussteigen verabschiedet. Nur in der Schweiz hatte ich bisher erlebt, dass man beim Aussteigen aus dem Bus »Ade« sagt.
Meine Mutter hatte meinem Vater selbst gebackene Brötchen eingepackt
Der Bus hielt direkt neben der Dauner Sprudelwasser-Fabrik. Damit befanden wir uns mitten in der Vulkaneifel. Und nach kurzer Zeit sahen wir auch schon das Gemündener Maar. Ein Maar ist, vereinfacht gesagt, ein mit Wasser voll gelaufener Vulkantrichter.
Das Wasser des Gemündener Maar ist tiefschwarz und selbst im Hochsommer eisig kalt. Und etwas unheimlich. Angeblich wimmelt es nur so von Leichen am mehrere hundert Meter tiefen Grund. Strömungen und plötzlich auftretende Strudel sollen vielen Schwimmern das Leben gekostet haben. Und außerdem ist schon das eine oder andere obskure, prähistorische Wassertier gesichtet worden.
Am Gemündener Maar habe ich ein Foto von meinem Vater gemacht, und dann sind wir zügig weitergegangen. Man rastet ja nicht schon nach einer Viertelstunde!
Doch keine 45 Minuten später hatten wir Hunger. Es musste eine Bank her. Auf der ersten Bank prangte ein Messingschildchen: »Gestiftet von einem langjährigen Gast aus Köln-Müngersdorf«. Schau an! Hier hätten wir uns gerne hingesetzt, doch die Bank stand in der Sonne. Also, weiter. Nach einem Kilometer kam wieder so eine Sonnenbank. Das ist ja im Winter ganz schön, aber nicht in der Mittagshitze eines Junitags.
Erst in einem kleineren Nadelwaldstück entdeckten wir unsere Traumbank. Schattig gelegen mit Blick aufs Tal, allerdings wackelte die Rückenlehne, und die Sitzfläche war verdreckt. Aber wozu hatte ich den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dabei? Der Wirtschaftsteil war auseinander gefaltet schön groß und diente als praktische Sitzunterlage.
Ich packte mein Käsebrötchen aus und fing an zu essen. Neidisch blickte ich zu meinem Vater hinüber, denn er hatte picknicktechnisch viel, viel mehr zu bieten. Meine Mutter hatte ihm drei selbst gebackene Vollkornbrötchen mit vegetarischer Schmierwurst und Brie eingepackt. Außerdem gab es ein süßes Brot mit Butter, zwei gekochte Eier, einen Apfel in vier Teile geschnitten, eine Banane und Bitterschokolade, selbstverständlich fair gehandelt. Mein Vater teilte mit mir. Als wir die Reste zusammenpackten, fehlte plötzlich ein weißes Drahtbändchen. Ein Drahtbändchen, das dazu diente, die Tüte mit den Vollkornbrötchen sorgfältig zu verschließen, damit alles frisch blieb. Und bevor dieses Bändchen nicht gefunden war, konnte es nicht weitergehen. Also suchten wir. Ich habe es schließlich auf dem Wirtschaftsteil der FAZ gefunden, und wir machten uns auf in Richtung Manderscheid.
Meinen Vater habe ich immer als sehr schnellen Zu-Fuß-Geher erlebt. Ob auf dem Weg zur Straßenbahn, beim sonntäglichen Kirchgang übers Feld oder zum Stadion, mein Vater raste voran. Mit 45 Jahren fing er an zu laufen. Doch kurz vor seinem ersten Marathon musste er wegen heftiger Kniebeschwerden das Laufen aufgeben. Ein Wanderer ist mein Vater aber immer noch. Ungefähr einmal im Monat geht er zusammen mit meiner Mutter bei organisierten Wanderungen mit.
Auf dem Lieserpfad schonte sich mein Vater und zog ein gemächliches Tempo vor. Es war ihm wohl doch zu heiß. Kurz nach unserer Picknickpause erreichten wir die Üdersdorfer Mühle. Der Lieserpfad sollte nun die nächsten drei Stunden fernab jeder Zivilisation durch den Wald führen.
Ich bekenne mich zur Furcht vor der »bestia«, dem wilden Tier
Auf den zehn Kilometern zwischen Üdersdorfer Mühle und Manderscheid gibt es kein einziges Haus, an dem man vorbeikommt, keine Straße verläuft parallel im Tal oder kreuzt den Wanderweg. Der Wanderer ist im Wald. Punkt. Obwohl den Lieserpfad schon Hunderttausende Wanderer überlebt haben, bleibt er immer ein kleines Abenteuer: Haben wir genug zu essen und zu trinken dabei, um es bis zum nächsten Ort zu schaffen, oder wird man meine Gebeine und die meines Erzeugers Tage später gebleicht in der Sonne finden? Da kam meine Urangst als langjähriger Karl-May-Leser durch, und in Ermangelung des Mittleren Westens musste es in der Fantasie auch die Eifel tun. Werden wir mit der Einsamkeit des Waldes fertig werden? Wir sollten nämlich bis zum Abend keinen Menschen mehr sehen.
Ich bekenne mich auch zur Furcht vor der bestia, dem wilden Tier, das einem jederzeit in den üppigen germanischen Wäldern begegnen kann. Ich habe schon viele Rehe am Lieserpfad gesehen. Gut, die haben mich bisher noch nicht angegriffen. Aber es soll auch Wildschweine geben. Und wenn man unglücklicherweise zwischen eine Wildsau und deren Frischlinge gerät, überlebt der Wanderer im Zweifelsfall nicht.
Eine Stunde hinter der Üdersdorfer Mühle führte ein ein Kilometer langer Weg bergan zum Eckfelder Maar. Uns war es zu heiß für einen Abstecher, also erzählte ich meinem Vater, dass das Eckfelder Maar ein Trockenmaar ist. Es enthält also seit vielen Jahrtausenden kein Wasser mehr. Der Vulkan muss ziemlich plötzlich explodiert sein, was man an der unglaublichen Anzahl an Fossilien erkennt. Leider darf man als Hinz-und-Kunz-Fossilien-Sammler dort nicht graben, da die Universität Mainz das gesamte Gebiet abgesperrt hat. Gefunden haben sie ein ungefähr 40 Zentimeter großes Urpferdchen. Diese Mini-Stute war auch noch schwanger, sodass das werdende Baby-Urfohlen erhalten ist. Durch diesen Top-Fund konnte nachgewiesen werden, dass die winzige Stute der evolutionäre Vorfahr unserer heutigen Pferde ist.
Wir folgten weiter dem Lieserpfad und überquerten auf einer schmalen Betonbrücke den Fluss. Ich weiß nicht, ob die Lieser ein Bach oder ein kleiner Fluss ist. Irgendwie ist sie zu breit für einen Bach. Aber auf einem Fluss müsste eigentlich Schiffsverkehr stattfinden, oder? Ich nenne die Lieser einfach mal einen breiten Bach. Nach der Brücke ging es auf einem schmalen Pfad bergan mit einer Vielzahl von Blumen am Wegesrand. Gegenseitig gestanden wir uns, dass wir beide absolute botanische Nieten wären. Wir gerieten sogar ein bisschen in Streit darüber, wer denn die noch größere Niete sei.
Der schmale Blumenpfad mündete in einen breiteren Weg. – »Jetzt betreten wir den Weg der Hölle«, sagte mein Vater. »Hä, Hölle?« Anscheinend brauchte ich eine Nachhilfestunde in katholischer Heils- und Erlösungslehre: Der breite, bequeme Weg ist der Weg der Laster und Sünden und führt direkt in die Hölle, der schmale, entbehrungsreiche, krumme, dornige, anstrengende und steinige Weg aber ins Himmelreich. Vielleicht ist das der tiefere Grund für meine Affinität zu schmalen gewundenen Pfaden: mein tief verwurzelter rheinischer Katholizismus. Ich möchte eben in den Himmel kommen.
Wir hatten nun keine Wahl und mussten über den Höllenweg gehen. Nach einer halben Stunde erreichten wir eine große, offene Wiesenfläche, die so genannte Hahnerfläch. An der Hahnerfläch-Wanderhütte stand auf einem Zettel mit amtlichem Stempel, dass die Hütte vom Eifelverein für den 6. September 2004 zwischen 12.30 Uhr und 14 Uhr für eine 30köpfige Wandergruppe reserviert worden war. Wir notierten uns das, um Bescheid zu wissen. Von hier war es nicht mehr weit nach Manderscheid.
Das Dorf heißt nicht Franz, Heinz oder Willi, sondern Karl
In Manderscheid treffen die meisten Hauptwanderwege der Eifel zusammen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang auch von »Wanderscheid«. Man findet hier sehr gute Unterkünfte wie den Kapellenhof der Familie Krämer, der mehrfach als Ferien-Bauernhof des Jahres ausgezeichnet wurde, oder das Hotel Zens mit Hallenbad und Sauna, das einen urigen Eifel-Charme versprüht. Aber Vorsicht: Dieses Hotel hatte ich unter der Rubrik »Kleine Fluchten« schon einmal in einer Frauenzeitschrift empfohlen.Danach hat sich eine Frau bitter beschwert, wie ich denn so ein Hotel empfehlen könne. Da hätten in der Nachbarschaft Kinder geschrien. Empfehlungen sind nun mal Geschmacksache.
Es sind die Burgen, die Manderscheid so unverwechselbar machen. Am zweiten Tag gingen wir morgens vom Hotel Zens aus den Lieserpfad weiter, und nach kaum zehn Minuten waren die beiden Burgen bereits zu sehen. Ich machte ein Foto, wie jedes Mal, wenn ich an diese Stelle kam. Ich hätte mir auch eine Postkarte kaufen können, denn dieser Blick auf die beiden Burgen ist der Motivklassiker von Manderscheid.
Mir ist weltweit kein ähnlicher Fall bekannt, dass sich zwei Burgen auf derart kurzer Distanz belauern. Die ältere Burg ist die Oberburg, die, wie der Name schon sagt, auf einer Bergkuppe hoch über der Lieser liegt. Später gebaut wurde die Niederburg, die sich über einzelne Terrassen den Hang hinaufzieht. Die Gewalt über die Burgen wechselte oft. Meist war die Oberburg in der Hand des Erzbischofs von Trier, und die Niederburg gehörte zum Herzogtum Luxemburg. Diese beiden Machtblöcke bekämpften sich jahrhundertelang, und in Manderscheid lag sozusagen der Eifeler Checkpoint Charlie.
Der Lieserpfad war nun in den felsigen Abhang auf halber Höhe zwischen Tal und Berghöhe gehauen. An der linken Seite fiel der Hang hundert Meter zum Bach hinab, teilweise durch Holzgeländer abgesichert. An der rechten Seite ging es steil den Berg hinauf. Auf den ersten Kilometern kamen Wanderhütten im Zehn-Minuten-Abstand für die vielen Spaziergänger der Gegend. Wir gingen gut eine Stunde bis zur Hütte Weifelsjunk, wo wir wegen der Hitze eine Pause machten. Bis dahin war der Weg wunderbar gewesen. Ein schmaler Traumwanderweg. Danach erwartete uns der erste größere Anstieg.
Für meinen Vater war der folgende Teil des Weges der eigentliche Höhepunkt der Wanderung. Immer wieder genoss er die herrlichen Ausblicke. Nach dem zweiten größeren Berg gingen wir durch ein naturbelassenes Seitental der Lieser, das mit seinen umgestürzten Bäumen und meterhohem Farn an einen Regenwald erinnerte. Nach dem Regenwald-Trail machten wir Rast auf einer Bank unterhalb der Ortschaft Karl. Genau: Karl. Das Dorf heißt nicht Franz, Heinz oder Willi, sondern Karl. Während wir auf der Bank saßen, bekamen wir eine Eifel-Düsenjäger-Show geboten. Die Eifel ist wie viele andere deutsche Mittelgebirge nicht nur Wanderparadies, sondern vor allem Militärzone. Nach dem schrittweisen Abzug der Amerikaner sind es aber nur noch deutsche Düsenjäger, die hier für den Ernstfall üben.
Direkt über unseren Köpfen flogen zwei Düsenjäger mal einzeln, mal im Formationsflug, mal donnernd, schnell und laut, mal summend leise und langsam, mal geradeaus, mal sich in die Kurve legend – eine perfekte Flugschau.
Langsam wurde es zu steil für meinen Vater, besonders der Abstieg hinunter in Richtung Landstraße. »Majusebedda«, fluchte er, »das ist hier aber gar nicht gut für Venen und Gelenke.« »Majusebedda« ist ein Stoßgebet aus dem Trierer Raum. Die Kurzform »Maju« gebraucht man, wenn nicht so viel Zeit ist. »Majusebedda« steht für Maria, Josef und Peter. Es werden also die Eltern des Heilands und der Stadtpatron Triers, der heilige Petrus, angerufen, um den Verdruss in kritischen Situationen des Lebens zu lindern.
Erst zwölf Kilometer hinter Manderscheid stießen wir auf das erste Anzeichen von Zivilisation. Wir erreichten die Landstraße 60. Wir mussten ungefähr 300 Meter an der Straße entlanggehen. Wir liefen auf der rechten Fahrbahnseite, weil der Lieserpfad auch von dort abzweigen sollte. Das war gegen die Vorschrift, da man auf Landstraßen ohne Bürgersteig immer links gehen soll. Es rettete uns aber das Leben: Ein sichtbar geisteskranker Eifeleinwohner in einem roten Golf raste mit ungefähr 120 Stundenkilometern durch die lang gezogene Kurve. Er nahm sie jedoch so eng, dass wir auf der linken Seite Matsch gewesen wären.
Der irre Autoraser hatte ein Wittlicher Kennzeichen (WIL). Bei meinen Wanderungen achte ich immer auf die Autokennzeichen der Orte, die ich durchquere. Die Wanderung mit meinem Vater war in DAU gestartet, die Grenze zu WIL hatten wir schon kurz vor Manderscheid durchbrochen. Zwei Autokennzeichen-Regionen sind fast ein Muss, aber besonders stolz bin ich auf Touren, die drei Autokennzeichen entsprechen.
Nach der Landstraße ging es ruhig weiter, und mein Vater und ich hingen unseren Gedanken nach, obwohl zumindest in meinem Kopf meist überhaupt kein Gedanke war. Manche Frau hätte vielleicht gefragt: »Schatz, woran denkst du?« – »An nichts.« Und das stimmt sehr, sehr oft.
18 Kilometer hinter Manderscheid stießen wir auf das erste Hinweisschild der Gaststätte Alte Pleiner Mühle. Wir verließen den Lieserpfad, um einzukehren. Am lauschigen Bach gönnten wir uns einen kühlen Käsekuchen (Vater) und eine köstliche Tomatensuppe (ich). Wir beschlossen, dass der Restweg nach Wittlich (es wären noch sechs Kilometer gewesen) das heute Erlebte nicht mehr toppen würde. Außerdem hätten wir durch das Weiterwandern den Intercity nach Köln verpasst.
Ein Fall fürs Kartellamt: Ländliche Taxifahrer mit Monopolstellung
Ich bat den Wirt der Alten Pleiner Mühle, uns ein Taxi zu bestellen. In einer Gaststätte wissen sie, wo man anrufen muss, ansonsten kann es ganz schön lange dauern, bis man herausgefunden hat, in welchem Dorf und unter welcher Telefonnummer es überhaupt ein Taxi gibt. Verzögerungen können sich immer noch ergeben, wenn der Taxifahrer gerade bei Tisch ist oder schnell noch die Kühe melken muss. Denn oft wird in ländlichen Gegenden das Taxifahren als Nebenerwerbsquelle betrieben. Man sollte auch immer nachfragen, woher der Taxifahrer kommt und wie hoch die Anfahrtskosten sind. Ich habe erlebt, dass auf der Taxiuhr schon 15 Euro standen, ohne dass man einen einzigen Kilometer zurückgelegt hatte. In einem solchen Fall lässt der gute Mann das Taxameter von dem Augenblick an laufen, in dem er losfährt – »Anfahrtskosten, Sportsfreund!«. Da helfen keine Proteste, es fehlt schlicht die Alternative. Aber meiner Meinung nach ist das ein klarer Fall fürs Kartellamt, da hier arme Wanderer von ländlichen Taxifahrern mit Monopolstellung ausgebeutet werden.
Der Wittlicher Taxifahrer führte nichts Böses im Schilde und fuhr uns zum Wittlicher Hauptbahnhof, der an der Bahnstrecke Trier–Koblenz liegt. Wir erreichten bequem den Intercity nach Köln und genossen die Fahrt entlang Mosel und Rhein. Mein Vater ist nicht der Typ, der mir am Schluss unserer Wanderung um den Hals gefallen wäre, um mir für die beiden Wandertage mit blumigen Worten zu danken. Ich hatte aber schon das Gefühl, dass es ihm gefallen hat.
Eine Woche später erzählten mir dann meine Mutter und meine Tante Hertie, dass mein Vater noch tagelang danach von der Wandertour schwärmte. Da habe ich mich sehr gefreut.
Information
Anreise:
Mit dem Pkw nach Daun, etwa aus Köln auf der A1 in Richtung Blankenheim, weiter in Richtung Gerolstein, dann Ausschilderung Daun/Manderscheid folgen. Oder aus Frankfurt auf der A3 in Richtung Köln bis zum Dernbacher Dreieck, weiter über die Eifelautobahn A48/1 Koblenz–Trier zu der Abfahrt Daun
Oder man wählt öffentliche Verkehrsmittel wie Auto-Verweigerer Manuel Andrack
Unterkunft und Rast:
Kapellenhof, Regina Krämer, 54531 Manderscheid, Tel. 06572/4408, www.kapellenhof.de . Übernachtung mit Frühstück ab 20 Euro
Hotel Zens, Kurfürstenstraße 35, 54531 Manderscheid, Tel. 06572/92320, www.hotelzens.de . Doppelzimmer mit Frühstück gibt es ab 76,80 Euro, ein Einzelzimmer ab 36,80 Euro
Alte Pleiner Mühle, 54518 Plein, Tel. 06571/8303. Geöffnet Di–Sa ab 14 Uhr
Wanderkarten:
Daun, rund um die Kraterseen, Wanderkarte Nr. 20 des Eifelvereins, 1:25000; Vulkaneifel um Manderscheid, Wanderkarte Nr. 20a des Eifelvereins, 1:25000
Auskunft:
Tourist-Information Daun, Leopoldstraße 5, 54552 Daun, Tel. 06592/95130, www.daun.de
Hauptgeschäftsstelle des Eifelvereins, Stürtzstraße 2–6, 52349 Düren, Tel. 02421/13121, www.eifelverein.de
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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