Zerreißproben

Wenn Sänger tanzen müssen: Die Choreografin Sasha Waltz hat erstmals eine Oper inszeniert

Eberhard, zieh deine Strümpfe aus! Sasha Waltz befiehlt mehr, als dass sie bittet, obendrein macht sie einen energischen Sprung auf den Opernsänger zu. Wie auch soll Eberhard, der hier die erste Hexe zu geben versucht, seine Tanzbewegungen in den Griff bekommen, wenn er ständig mit seinen dicken Socken auf dem schwarzen Boden auszurutschen droht? So wird Eberhard nicht weit kommen.

Die ausgebildeten, echten Tänzer aus der Truppe um Sasha Waltz wissen das natürlich. Niemand von ihnen trägt etwas an den Füßen, obwohl es an diesem Tag Anfang Januar nicht gerade warm ist in der Werkhalle der Probebühne in Berlin-Reinickendorf. Kraftvoll, athletisch, oft mit teilnahmsloser Miene probieren sie die immergleichen Abläufe ihrer Choreografien, zu zweit oder allein in einer Ecke der leeren Bühne. Seit September tun sie das. Seit vier Monaten täglich acht Stunden.

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In solch mühsamer, hoch konzentrierter Arbeit soll die erste Operninszenierung von Sasha Waltz entstehen: Dido and Aeneas, im Jahre 1689 von Henry Purcell komponiert. Diese Regiearbeit ist ein gewaltiger Schritt für die ehemalige Intendantin der Berliner Schaubühne, die dank ihrer bereits zu Klassikern avancierten Stücke Allee der Kosmonauten (1993) und Körper (2000) neben der Altmeisterin Pina Bausch die zurzeit berühmteste Choreografin Deutschlands ist.

Mit dieser Oper verlässt die 41-jährige Sasha Waltz ihre vertraute Nische, um sich mit einem bereits existierenden Text, einer vorgegebenen Musik zu konfrontieren und obendrein Tänzer, Solisten, Chor und Orchester unter einen Hut zu bringen - was heißt, nahezu achtzig Akteure künstlerisch miteinander zu versöhnen, denen ihr eigenes Fach jeweils das wichtigste sein dürfte.

Unterstützt wird sie dabei von dem Dirigenten Attilio Cremonesi aus Venedig und der hoch geschätzten, mit unzähligen Preisen ausgezeichneten Akademie für Alte Musik Berlin.

In diesem Haifischbecken geht es nun ausgerechnet um eine unglückliche Liebesgeschichte: Dido, die Königin Karthagos, und der trojanische Held Aeneas haben sich gerade gefunden und sollen sich nun auf Geheiß der Götter wieder voneinander trennen. Als Aeneas erst widerstrebend, aber schließlich doch nach Rom weiterzieht, überlebt Dido diese Trennung nicht. Mit ihrem Tod endet diese fulminante, sehr eingängige Barockoper. Remember me, but ah!

Forget my fate, sind Didos letzten Zeilen, Gedenket meiner, aber, ach, vergesst mein Schicksal.

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