Wahlen im Irak In den Gärten von Demokratistan

Irak nach der Wahl: Je mehr Parteien sich die Macht teilen, desto besser die Aussichten auf Frieden

Die Wahl im Irak ist ein historischer Erfolg und eine grelle Warnung zugleich. Beginnen wir mit der guten Nachricht. Zum ersten Mal seit den von den Briten frisierten Abstimmungen der dreißiger bis fünfziger Jahre haben die Iraker halbwegs frei ein Parlament bestimmt. Sie zeigen, dass für sie der Zusammenhalt des zerrissenen Landes als Staat und die Bestimmung einer handlungsfähigen Regierung Priorität haben. Als Bewohner eines großen arabischen Landes haben die Iraker eine Wahl zustande gebracht, von denen die Nachbarn Syrien, Saudi-Arabien und, weiter im Westen, Ägypten nur träumen können.

Und dies ist die Warnung. Diese Wahl hat im Krieg stattgefunden, in einem Krieg, der seit März 2003 anhält. Denn die Amerikaner haben die Saddamisten und Terroristen in Wirklichkeit nie besiegt. Die Aufständischen haben die westlichen Soldaten nur tief ins Land eindringen lassen, um sie allmählich zu zermürben. Eine erhebliche Zahl von sunnitischen Arabern sympathisiert mit den Saddamisten. Die Sunniten sind, das war von Beginn an klar, die Verlierer dieser Wahl. Wo Demokratie und Demografie zusammenwirken, verlieren die Sunniten (ein Fünftel der Bevölkerung) ihre traditionelle Vorherrschaft. Viele von ihnen haben nun, aus Angst, aus Verbitterung, aus Trotz, die Wahl boykottiert.

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Mit der Wahl hat die von den Amerikanern eingesetzte Regierung nur eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg um einen freien, friedlichen Irak. Was muss geschehen, damit die friedliche Mehrheit der Iraker sich durchsetzt?

Es wäre unklug, würden die voraussichtlich klaren Wahlsieger, die schiitischen Parteien, nach Auszählung der Stimmen eine überwältigende Machtposition anstreben. Das dürfte noch mehr Sunniten in den Aufstand treiben. Am nachhaltigsten werden die Schiiten ihre Interessen in einer Koalitionsregierung mit sunnitischen Parteien und der mächtigen kurdischen Liste durchsetzen.

Was für Bagdad gilt, ist in der Provinz noch wichtiger. Geraten irakische Städte wie Mossul, Kirkuk und Basra unter die Herrschaft einer ethnischen Gruppe, ist die Saat für neuen Streit gelegt. Besonders groß ist die Gefahr in Kirkuk, wo die Kurden nach den Jahren brutaler Arabisierung nach Ausgleich, manche aber nach schierer Rache dürsten und die Stadt für die Region Kurdistan reklamieren. Nicht ohne Hintergedanken: Nicht weit von Kirkuk finden sich große Ölvorkommen. Und das schiitische Basra liegt in der Nähe der südlichen Ölfelder (siehe Karte). Soll der Irak langfristig als einheitlicher Staat bestehen bleiben, müssen die wichtigen Städte von Repräsentanten aller Bevölkerungsgruppen regiert werden. Jede große Stadt ein kleiner Irak: Das könnte den mesopotamischen Flickenteppich zusammenhalten.

Dies ist sicherlich nicht der Zeitpunkt für einen schnellen Abzug amerikanischer Truppen. Während in den kommenden Monaten die irakische Nationalversammlung eine neue Regierung bestimmt, eine Verfassung entwirft und darüber erneut abstimmen lässt, wird der Krieg weitergehen. Saddamisten und Bin-Ladisten haben nicht an der Wahl teilgenommen. Es wird noch lange dauern, bis die irakische Armee in der Lage ist, dieser teuflischen Koalition Paroli zu bieten. Solange sie das nicht kann, werden die Amerikaner das Experiment Demokratie gegen seine Feinde schützen müssen.

Was das irakische Demokratistan langfristig der Demokratie näher bringen kann, ist der Mut zum Abwarten. Schnelle Lösungen für einen Waffenstillstand und ein friedliches Kirkuk, Instant-Mittel gegen sunnitischen Trotz und Frust gibt es nicht. Wohl aber lässt sich die Lage entspannen, mit etwas Sinn für die Segnungen des Übergangs. Anstelle von endgültigen Entscheidungen und klaren Mehrheitsverhältnissen wird eine der Region gar nicht so fremde Verschwommenheit und Vorläufigkeit in politischen Fragen die beste Garantie dafür sein, dass der Irak zu leidlicher Einheit findet.

 
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