Algerien, Afghanistan, Irak – Giuliana Sgrena hat in den letzten Jahren über sämtliche Kriege und Krisen berichtet, die den Nahen und den Mittleren Osten erschüttert haben. Sie war dort, um zu berichten, wo der Krieg Menschen tötete, und auch dort, wo andere Journalisten den Versuch einer Berichterstattung aus eigener Anschauung für zu gefährlich hielten. Ist sie deshalb eine Kriegsberichterstatterin?

Sie selbst würde diese Bezeichnung ablehnen. Zu eng, würde sie sagen. “Zu eng”, das eine typische Formulierung für Giulana Sgrena, meist verbunden mit der Aufforderung, “du must schon genauer sein!”

Sie ist immer um Präzision bemüht, in ihren Artikeln, die sie mit großer Klarheit verfasst, wie in den Diskussionen, die sie mit Leidenschaft führt. Giuliana Sgrena ist eine politische Journalistin. Politik und Journalismus sind in ihrem Leben aufs Engste miteinander verwoben. Nie hat sie sich in den Dienst einer Partei gestellt, durchaus aber in den Dienst einer Sache. Als eine der ersten unter den Journalistinnen hat sie die Bedeutung der Frauenfrage im Islam auch für Europa begriffen. Anfang der neunziger Jahre ist sie immer wieder nach Algerien gereist. Sie hat über den Bürgerkrieg berichtet, vor allem aber über den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Über die Frage des “Schleiers” hat sie eine Buch geschrieben. Giuliana Sgrena bezeichnet sich nicht als Feministin, auch dieser Begriff ist ihr zu eng. Ihr politische Kampf – und das ist ein Wort, das sie sehr wohl verwendet – richtet sich gegen Frauenfeindlichkeit im Namen der Religion.

Sie ist eine Aufklärerin im besten Sinne Wortes. Sie stellt sich in den Dienst des Menschen. “Laizistisch” – dieses schwer übersetzbare Wort akzeptiert sie, um sich selbst zu beschreiben. Jeder Aberglaube ist ihr fremd, jede Propaganda ein Gräuel. Deshalb ist sie in all die Länder gefahren, die im Nebel des Krieges verschwanden. Informationen aus erster Hand sind ihr wichtig, sie traut nur ihren eigenen Augen.

Giuliana Sgrena hat die Gabe der mitfühlenden Distanz, die Fähigkeit, mit heißem Herzen zu schreiben und dabei kühl zu denken. Erst auf der Grundlage ihrer Recherchen bildet sie sich eine Meinung, die sie dann mit Verve verteidigt. Herausfordernd sagt sie: “Bei mir weiß jeder, woran er ist. Ich verberge nichts, und ich gehen keiner Auseinandersetzung aus dem Weg.” Giuliana Sgrena streitet gerne. Sie streitet für die Menschen.