Manchmal tauchen aus den anonymen Nachrichten und Zahlenangeben über immer neue Gewalt und Tote im Irak einzelne Menschen auf. Zeineb, die Sechsjährige, die sich vor den amerikanischen Bombern unter dem Teppich verstecken wollte. Nidal Adi, die Lehrerin, die in den Tagen des Bombardements von Splittern verletzt wurde und verbittert sagte, sie habe mit dem Regime nichts zu tun, "warum bombardieren sie uns?“ Die zwei namenlosen irakischen Soldaten, die sich amerikanischen Truppen ergeben wollten und dennoch erschossen wurden. Diesen Menschen hat die entführte Reporterin Giuliana Sgrena eine Stimme gegeben. Sie konnte das tun, weil sie in Bagdad geblieben ist, als die meisten ihrer Kollegen angesichts des unmittelbar bevorstehenden Angriffs der Amerikaner die Stadt verließen. Ihr "Tagebuch aus Bagdad" hat Bilder des Irakkriegs in die deutschen Wohnzimmer getragen, wie sie die "embededd Journalists" in der Begleitung der Koalitionstruppen nicht sehen, geschweige denn verbreiten konnten.

Nun droht Giuliana Sgrena selbst ein Opfer des Kriegs zu werden. In einem Land, dessen innere Sicherheit die Koalitionstruppen so wenig verteidigen können wie die eigenen Ordnungskräfte, haben vermutlich sunnitische Radikale die Journalistin entführt. Niemand weiß, ob es wirklich die Täter sind, die nun mit der Ermordung der Geisel drohen. Sicher ist, dass ihnen egal ist, ob das Opfer dieses Verbrechens den Irakern in der Vergangenheit beigestanden hat oder nicht. Sicher ist aber auch, dass dies absolut nicht die Haltung der irakischen Sunniten ist. "Diese Journalistin verdient einen Preis, keine Entführung", sagte ein Sprecher des obersten Rates der sunnitischen Geistlichen im Irak.

Wer aber ist diese Journalistin?

Giuliana Sgrena ist Korrespondentin der italienischen Tageszeitung "Il Manifesto" und Mitarbeiterin der ZEIT. In ihrem "Tagebuch aus Bagdad", das sie für die ZEIT verfasste, zeigte sie alle ihre Qualitäten - distanzierte Analyse, kühler Bericht, mitfühlende Reportage. In der gleichen Weise hat sie in den letzten Jahren über sämtliche Kriege und Krisen berichtet, die den Nahen und den Mittleren Osten erschüttert haben. Algerien, Afghanistan, Irak – überall dort, wo der Krieg Menschen tötete, war sie, um aus eigener Anschauung zu berichten, gerade dort, wo glaubwürdige Nachrichten zur Mangelware wurden, weil die meisten anderen Journalisten den Versuch einer Berichterstattung für zu gefährlich hielten. In diesen Teilen der Welt hat sie noch die entlegensten Dörfer aufgesucht, weil sie wissen wollte, was genau dort geschah. Sie wollte alles mit ihren eigenen Augen sehen, weil sie den Kriegsparteien niemals traute. Aus diesem Grund ist sie am vergangenen Freitag in diese Bagdader Moschee gefahren. Sie hatte gehört, dass dort viele Einwohner Falludschahs untergebracht seien, die vor den US-Truppen geflohen waren. Über diese Menschen wollte sie berichten.

Ist sie eine Kriegsberichterstatterin? Sie selbst würde diese Bezeichnung ablehnen. Zu eng, würde sie sagen. “Zu eng”, das eine typische Formulierung für Giulana Sgrena, meist verbunden mit der Aufforderung, “du must schon genauer sein!” Noch viel weniger ist sie eine Abenteuererin. Sie riskiert nicht ihr Leben, weil sie daran etwa Spaß hätte – sie tut ihre Arbeit, weil sie daran glaubt, dass sie getan werden muss.

Giuliana Sgrena ist eine politische Journalistin. Politik und Journalismus sind in ihrem Leben aufs Engste miteinander verwoben. Nie hat sie sich in den Dienst einer Partei gestellt, durchaus aber in den Dienst einer Sache. Als eine der ersten unter den Journalistinnen hat sie die Bedeutung der Frauenfrage im Islam auch für Europa begriffen. Anfang der neunziger Jahre ist sie immer wieder nach Algerien gereist. Sie hat über den Bürgerkrieg berichtet, vor allem aber über den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Über die Frage des “Schleiers” hat sie eine Buch geschrieben. Giuliana Sgrena bezeichnet sich nicht als Feministin, auch dieser Begriff ist ihr zu eng. Ihr politische Kampf – und das ist ein Wort, das sie sehr wohl verwendet – richtet sich gegen Frauenfeindlichkeit im Namen der Religion. Sie ist eine Aufklärerin im besten Sinne Wortes. Sie stellt sich in den Dienst des Menschen.