Wer den Jahrhundertsportler und einzigen deutschen Schwergewichtsweltmeister aller Klassen in seinem Büro in Hamburg-Wandsbek besuchen durfte, wird diese Begegnung nie vergessen. Bereits 1993 hatte Schmeling sein letztes Interview gegeben, er fand, dass alles gesagt sei. Zwei Jahre später lud er aus Anlass seines 90. Geburtstages eine kleine Gruppe von Journalisten doch noch einmal zu sich ein - er konnte eben schlecht nein sagen. Eine imponierende Erscheinung, die das Büro, kleiner als ein Boxring, füllte. An den Wänden Bilder, Stationen seines Lebens. Der Weltmeister aus Deutschland mit Mrs. Carter, an der Seite von Ronald Reagan und Richard Nixon, der ihn einst zum "Sport-Botschafter" machte. Daneben die Urkunde für den "Ehrenbürger von Los Angeles" und, dem Schreibtisch gegenüber, eine Landkarte der Uckermark, wo er geboren wurde.

Max Schmeling lächelte, wie es seine Art war, absichtslos freundlich in die Objektive der Kameras. "Bitte, machen Sie doch nicht so viel Aufhebens!". Neunzig zu werden sei kein Verdienst, sondern nur eine Gnade.

Als sich die Ehrfurcht der Journalisten ein wenig gelegt hatte, wurde er gefragt nach dem Geheimnis seiner Fitness. "Ich sage den jungen Sportlern: Bloß Hände weg von den Drogen." Keine Zigarettten, keinen Alkohol, so habe er es immer gehalten. Und während seine wachen Augen unter den buschigen Brauen hinweg jeden Fragesteller musterten, meinte der Weltmeister, er habe zu Hause in Hollenstedt vor dem Fernseher ein Fahrrad stehen, "einen Hometrainer", den er auch "auf schwer" stellen könne. "Aber ich beweise nichts mehr", fügte er hinzu.

Gut zwei Stunden dauerte der Besuch. Draußen vor der Tür stand sein Auto mit den Initialen MS auf dem Nummernschild. Auf dem Hof packten Arbeiter unablässig Getränkekisten auf LKWs. Sein Unternehmen, eine große Coca-Cola-Vertretung in Hamburg in der Wandsbeker Straße, besuchte Max Schmeling damals mindestens drei Tage in der Woche. Welche Pläne er denn noch habe, wurde er irgendwann gefragt. Er wolle seine Stiftung vorantreiben. "Damit will ich helfen", sagte der Gastgeber. Er erwähnte das Schicksal jener, die von 500 Mark Rente nicht einen Monat lang leben können, "aber sich schämen, deshalb zum Sozialamt zu gehen."

Max Schmeling, ein wohlhabender Mann, hat nie ein Aufhebens davon gemacht, dass er vielen wieder auf die Beine half. Er stand für Fair Play und Bescheidenheit. Hundert Jahre wolle er gerne werden, das war der letzte Wunsch, den man von ihm hörte. Am 28. September dieses Jahres wäre es so weit gewesen. Dies hat Max Schmeling nicht geschafft.