Fast-Food in Russland Westliche Wunderwaffe

15 Jahre McDonalds in Moskau brachten Freundlichkeit und Fleisch für alle

Die Euphorie war riesig, als vor 15 Jahren gegenüber dem Denkmal des Nationaldichters Alexander Puschkin erstmals die zwei goldenen Bögen aufleuchteten – wie das Symbol eines fernen und verlockenden Planetensystems, das um Kapital und Buletten kreiste. McDonald’s eröffnete am 31. Januar 1990 seine erste Filiale in der Sowjetunion, und sie ist bis heute die einträglichste der Welt: Zeitweise bedienen Hundertschaften von Mitarbeitern mehr als 40.000 Kunden täglich.

Mit dem hellen Glaskomplex, der vielen angesichts der muffigen und höhlenartigen Moskauer Kellercafés von klarer Gemütlichkeit erschien, und mit den lächelnden Gesichtern der Angestellten brach eine neue Ära an. Sowjetischer Service erschöpfte sich bis dahin zumeist im Ignorieren, Anblaffen und Hinauskomplimentieren des Käufers. Deshalb legte McDonald’s Wert darauf, dass seine Mitarbeiter nie in der sowjetischen Gastronomie gedient hatten. Die ungekannte Schnelligkeit und Freundlichkeit hinter dem metallenen Tresen, die in den Zauberformeln „Danke“ und „Einen schönen Tag noch“ gipfelte, betörte die Kunden, die sich erstmals als solche fühlen durften. McDonald’s wurde inmitten der Sowjetunion zur Insel des anderen, unerreichbaren, westlichen Lebens. Zu einer Insel, die für Rubel und nicht nur für Dollar allen offen stand. In diesem Schlaraffenland gingen die Burger für die neuen Weltbürger niemals aus, während es in den Geschäften ringsum höchstens für jene manchmal Fleisch gab, die mit dem Filialleiter verwandt waren. Die Skeptiker sagten ein baldiges Ende mit einem auf fettige Würstchen geschrumpften Sortiment voraus.

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Doch McDonald’s umging den zerbrochenen Zuliefermarkt für Lebensmittel, baute eine eigene Riesenfarm auf und leistete sogar seinen Beitrag zum kleinunternehmerischen Motivationsschub: In den ersten Jahren entstand rund um den Puschkinplatz ein reger Zweitmarkt an Big Mäcs und Pommes Frites, die plietsche Jungs als Bringservice eiligen Autofahrern oder Passanten anboten – gegen Aufpreis. Imitierte „Beeg Macs“ aus der Hinterhofkellerproduktion tauchten überall in Moskau zum Verkauf auf.

Das Schnellrestaurant wurde zum Touristenmagneten nach dem Roten Platz und dem Kreml. Anfangs wickelte sich die Warteschlange, die den einst als Pilgerziel beliebten Lenin im Mausoleum noch leichenblasser aussehen ließ, zweieinhalb Mal um den Puschkinplatz. Vier Stunden Wartezeit forderte die russische Variante des „Fast Food“. Vordere Plätze in der Menschenschlange wurden zum begehrten Handelsgut.

Dem Erfolg konnte die russische Gegenerfindung des Petersburgers, eines matschigen Sandwiches, das zwischen zwei Elektroden mit einem 40 Sekunden dauernden Stromschlag her- und hingerichtet wurde, nichts anhaben. Auch die wechselweisen Geldstrafen durch die Stadtverwaltung, mal für unerlaubtes Anschalten, mal für nächtliches Erlöschen der Neonröhren im McDonald’s-Emblem schnippten die Manager wie Zwiebelreste vom Tablett. Heute gibt es 127 Filialen in Russland, und 105 sollen bald dazukommen. Die aufgeregten Politdebattierer, die in der demokratischen Aufbruchszeit Anfang der neunziger Jahre den Puschkinplatz zu einem Moskauer Hyde Park Corner machten, haben sich längst enttäuscht davon getrollt. McDonald’s strahlt weiter. Die Big-Mäc-Bulette erwies sich als eine der erfolgreichsten Wunderwaffen aus dem Arsenal westlicher Werte.

 
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