Eine Organisation mit Namen Islamischer Dschihad soll nach Angaben des italienischen Fernsehens am Montagabend in einer im Internet verbreiteten Botschaft angekündigt haben, die entführte Reporterin und ZEIT-Mitarbeiterin Giuliana Sgrena freizulassen. In dieser Botschaft sei mitgeteilt worden, dass es sich bei der 56-jährigen Italienerin "nicht um eine Spionin" handele. Deshalb wolle der Islamische Dschihad dem Appell der Vereinigung Islamischer Rechtsgelehrter nachkommen und Giuliana Sgrena wieder frei lassen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits zwei islamistische Gruppen im Irak dazu bekannt, jeweils die Entführer der ZEIT-Mitarbeiterin zu sein. Nach dem Bekenntnis der Organisation Islamischer Dschihad am Freitag hatte am Sonntag auch eine Organisation des Dschihad im Zweistromland die Verantwortung für die Entführung übernommen. In einer im Internet verbreiteten Erklärung drohte die Gruppe mit der Ermordung der 56-Jährigen, die auch Korrespondentin der linken italienischen Tageszeitung Il Manifesto ist, sollte Italien nicht bis Montagabend seine rund 3.000 im Irak stationierten Soldaten zurückziehen.
Unterdessen hat die Organisation um den jordanischen Terroristen al-Sarkawi bestritten, für die Entführung verantwortlich zu sein. "Wir haben damit nichts zu tun. Wer uns mit dieser Entführung in Zusammenhang bringt, beschmutzt unser Ansehen", hieß es in einer von al-Dschasira verbreiteten Botschaft der Sarkawi-Gruppe am Montag

Unterdessen wächst die Solidaritätsbewegung für Giuliana Sgrena an. "Wir Muslime in Deutschland verurteilen die Entführung aufs Schärfste und fordern die sofortige und bedingungslose Freilassung von Giuliana Sgrena", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der drei größten islamischen Organisationen in Deutschland. Im Islam gebe es keine Entschuldigung für Terror und Gewalt gegen Unschuldige, die Entführung unbeteiligter Journalisten sei ein Verstoß gegen Kriegsrecht, Völkerrecht und Menschenrecht und darüber hinaus nicht vereinbar mit den Werten des Islam. Giulina Sgrena, deren Tagebuch aus Bagdad in Deutschland viel Aufsehen verursachte, wird in der Erklärung als Reporterin gewürdigt, deren Arbeit "durch eine tiefgehende Sympathie für das irakische Volk gekennzeichnet" sei. Auch ein hohes Mitglied des obersten Rates der sunnitischen Geistlichen im Irak forderte die Freilassung der Korrespondentin. „Diese italienische Journalistin verdient einen Preis und keine Geiselnahme", sagte ein Sprecher des Ulema-Rats der Nachrichtenagentur Ansa.

Die italienische Regierung bemühte sich weiter um Sgrenas Freilassung. Außenminister Gianfranco Fini forderte im arabischen Fernsehsender al-Dschasira, die Reporterin umgehend freizulassen und bezeichnete Sgrena als eine „Freundin des irakischen Volkes“. Zugleich gibt es aber keinen Zweifel daran, dass die Regierung nicht auf die Forderung eingehen wird, die eigenen Truppen zurückzuziehen. Mit der Entführung Giuliana Sgrenas droht der italienischen Öffentlichkeit die Wiederholung eines Albtraums. Der Journalist Enzo Baldoni war im vergangenen Jahr von seinen Kidnappern im Irak ermordet worden. Besser erging es den Wiederaufbauhelferinnen Simona Pari und Simona Torretta, die im vergangenen Herbst nach dreiwöchiger Geiselhaft freikamen - vermutlich nachdem Lösegeld bezahlt worden war.

Giuliana Sgrena war am Freitagmorgen in Bagdad nahe der Universität verschleppt worden. Sie kam gerade aus einer Moschee, in der sie mit Flüchtlingen aus Falludschah sprechen wollte, die ihre Stadt wegen der Offensive der US-Truppen gegen Aufständische verlassen hatten. Zeugen berichteten, es habe eine Schießerei gegeben, als die Italienerin in ein Auto gezerrt wurde. Nach Angaben von Sgrenas Dolmetscher hatten die Täter in Autos vor der Moschee gewartet. Wachleute sollen auf die Entführer geschossen haben, konnten die Geiselnahme aber nicht verhindern.

Offenbar war die Journalistin geistesgegenwärtig genug, noch während der Entführung eine Kollegin anzurufen, konnte ihr aber keine Nachricht mehr übermitteln. Die ZEIT-Redaktion hatte noch nach der Entführung telefonischen Kontakt zu Giuliana Sgrena. Während des kurzen Gesprächs per Satellitentelefon wirkte die Reporterin verstört. Sie sagte lediglich, sie könne jetzt nicht sprechen und bat um einen späteren Anruf. Doch dann war nur noch ihre Mailbox zu erreichen.

Seit über einem Monat sind im Irak auch die französische Journalistin Florence Aubenas ( Libération ) und ihr irakischer Fahrer und Dolmetscher Hussein al-Saadi verschollen. Florence Aubenas ist wie Giuliana Sgrena eine Kritikerin des Irak-Krieges. ( zeit.de )