Zeitgeschichte Passionsspiel mit Hintersinn
Die NPD provoziert mit deutschem Opferpathos und geht mit dem Leid der Ausgebombten hausieren
Wenn die Straße sich von ihrer Höhe ins Tal senkt, fängt der Schrecken an - Haus für Haus. Auf der ganzen Reichsstraße ist nur die russische Kirche intakt. Münchner Viertel ausgebrannt, der Bahnhof ist wie eine Totenkammer so still. Der Wiener Platz voller aufgerissener Häuser. Der Große Garten ist ein schauriges Gestrüpp, die Eichen in Mannshöhe abgeholzt, das Große Palais nicht zu sehen«, notiert am 13. und 14. Februar 1945 eine Augenzeugin. Nach dem großen Luftangriff auf Dresden versucht sie das Ausmaß einer unüberschaubaren Zerstörung zu beschreiben. »Ausgebrannte Autoleichen des K.F.P., Volltreffer auf den Stübelplatz, zerschlagene Kirche. Wohl steht noch der schöne Turm der Hofkirche - elegant und heiter, hochmütig fast. Aber von der Kirche bleibt nur die Fassade zum Schloßplatz mit den verstümmelten Heiligen. Das Bellevue ausgebrannt, die Brühlsche Terrasse von Volltreffern zerwühlt. Drüben der Neustädter Markt ist ein Trümmerhaufen.«
Der Hinweis auf den deutschen »Untertanen« entschuldigt nichts
Dieser Bericht ist einer von vielen, denn die Überlebenden mussten den Schrecken schildern, um sich von ihm zu lösen. Und so schließt er für uns überraschend hoffnungsvoll: »Ich weiß, daß die Kinder wieder eine Zeit erleben werden, wo sie leben können in unserem Sinne. Immer wird in uns und in ihnen die Sehnsucht nach Schönem und Besserem sein.« Dieser und ähnliche Berichte der Augenzeugen belegen nicht nur, dass die Katastrophe tatsächlich stattgefunden hat. Mehr noch sind sie Zeugnis komplexer Selbstwahrnehmung, die sich einer möglichen Instrumentalisierung als vermeintliche Opferdokumente in der Regel entziehen. Wie anders der Ton aber, wenn eine solche Inszenierung gesucht wird. Wenn, wie im Sächsischen Landtag am 21. Januar dieses Jahres, die Bombardierung von Dresden durch die NPD gezielt als Mittel der Provokation eingesetzt wird: »Der Bombenholocaust von Dresden steht ursächlich weder im Zusammenhang mit dem 1. September 1939 noch mit dem 30. Januar 1933. Wissen Sie wirklich nicht oder wollen Sie nicht wissen, dass in Dresden ein kaltblütig inszenierter Massenmord an der Zivilbevölkerung stattgefunden hat?« - Die Begriffe sind pointiert gewählt: Holocaust und Massenmord. Damit ist die historische Inversion komplett. Das Gedenken an Auschwitz wird verweigert und so wortlos Auschwitz geleugnet, zugleich werden Opfer und Täter neu konstelliert. So neu nun allerdings auch wieder nicht. Die historische Rollenverteilung zwischen britischem Tätervolk und deutschem Opfergang reicht über das NS-Geschichtsbild tief in die wilhelminische Propaganda zurück.
Doch in der Bundesrepublik hatten zumindest Parlamente solche Töne noch nicht gehört. Und nur scheinbar war der neue Zungenschlag über die deutschen Opfer des Bombenkriegs und der Vertreibungen in den medialen Debatten der jüngsten Zeit ein naives Horsd'oeuvre der NPD-Entgleisungen. Seien wir großmütig: Keiner der Akteure in dieser Debatte über die »deutschen Opfer« - von W. G. Sebald bis Jörg Friedrich - hat auch nur im Traum daran gedacht, Dresden gegen Auschwitz auszuspielen, geschweige die Gedächtnissemantik zu vertauschen. Und natürlich geht es der NPD um nichts weniger als um Geschichte. Selbst wenn es auch sonst nie wirklich allein um Geschichte geht - hier ist einzig die Gegenwart im Spiel. Die Verschiebung der deutschen Rolle im Zweiten Weltkrieg vom Täter zum Opfer zielt auf einen schweren Tabubruch - vielleicht den schwersten überhaupt.
An keiner Stelle - so rechnet man in der NPD - ist das politische Establishment so direkt zu treffen wie bei der geschichtspolitischen Grundkonstellation der Bundesrepublik. Das Bekenntnis zu Verantwortung und Sühne für die im deutschen Namen begangenen Gräueltaten hat Verfassungsrang. Hier lag bisher die moralische Legitimität der deutschen Staatsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Konstellation von Freiheit und Verantwortung ermöglichte schließlich die Aufnahme der demokratisierten DDR in das Ordnungsgefüge der Bundesrepublik. Nicht die »Verdrängung eines substanziellen Verbrechens« also konstituiert diesen Staat, sondern das Gegenteil: ein Bekenntnis zu ihm.
Und damit ist die Rechnung der NPD klar: Die tiefe Unsicherheit und entsprechende politische Unzufriedenheit ihrer Wähler, der in ihrem Lebensstandard bedrohten Mittelschichten, lassen sich für Legitimitätszweifel trefflich nutzen. So gerät auch das Geschichtsbild der politischen Klasse ins Visier, die für Zukunftsängste und Arbeitslosigkeit verantwortlich scheint. Der Angriff auf dieses Bild verstärkt die Legitimitätskrise, lässt »unsozial« und »antinational« zu Synonymen werden. Dabei öffnet sich eine nahezu perfekte Zwickmühle: Je deutlicher die politische Klasse die Provokation der NPD zurückweist, auf dem Rang des Auschwitz-Gedenkens und der deutschen Verantwortung für Krieg und Terror beharrt, desto subjektiver erscheinen solche Beteuerungen. Die »Soziallüge« wird zur »Geschichtslüge« und vice versa. Die NPD könnte also sehr wohl aus ihren Provokationen als »Normalisierungsgewinnler« hervorgehen.
Damit ist die hinter Opfer- und Täterproblematik versteckte grundlegende Aporie jeder Debatte um deutsche »Normalität« angesprochen. Die kollektive Anstrengung, endlich den deutschen »Sonderweg« zu beenden, in einen ironischen Patriotismus bei gleichzeitiger Ausformulierung einer elastischen europäischen Identität zu überführen, sich also »normale« politische Affekte leisten zu können, ist aller Ehren wert. Doch die Erfahrung zeigt: Ohne Geschichte geht es nicht, und mit Geschichte bleibt die ersehnte »Normalität« ein fragiles Konstrukt.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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