Seit Samstagabend hängt ihr Foto an der Fassade des Senatorenpalastes auf dem Kapitolshügel: Giuliana Sgrena, die italienische Mitarbeiterin der ZEIT und Korrespondentin der römischen Tageszeitung Il Manifesto , die am Freitag in Bagdad entführt worden ist. Überlebensgroß überblickt sie nun Roms prominenteste Piazza, in heller Sommerjacke hinter einem Konferenztisch sitzend, vor sich ein Glas Wasser, die Augen wach und konzentriert. "So wollen wir Giuliana bald wieder sehen", sagt Bürgermeister Walter Veltroni, "wir werden nichts unversucht lassen, damit sie schnell wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren kann." Veltroni kennt die entführte Journalistin seit zwei Jahrzehnten, "sie ist eine der angesehensten und kompetentesten unseres Landes", erklärt er in seiner kurzen Ansprache.

Gut 5.000 Menschen sind zur Kundgebung auf den Kapitolsplatz gekommen, darunter viele Kollegen von Sgrena, wenige Politiker, der Chef der größten Gewerkschaft CGIL, Guglielmo Epifani - vor allem aber ihre Leser. Sie tragen Kerzen oder die Regenbogenfahnen der Friedensbewegung, einige auch Spruchbänder mit der Forderung nach dem Truppenabzug der Italiener aus dem Irak. Auf dem improvisierten Podium stehen in zweiter Reihe Simona Torretta und Simona Pari, die nach wochenlanger Geiselhaft entführten Aufbauhelferinnen.

Es gehe jetzt darum, möglichst viel Öffentlichkeit herzustellen, sagt der Vorsitzende des italienischen Journalistenverbandes, Paolo Serventi Longhi. "Wir dürfen nicht noch einmal den furchtbaren Irrtum begehen, der uns mit unserem Kollegen Enzo Baldoni widerfahren ist. Als er entführt wurde, haben wir stillgehalten und geschwiegen." Baldoni, Mitarbeiter der linken Wochenzeitung Il Diario , wurde im August 2004 von seinen irakischen Kidnappern ermordet, bis jetzt ist seine Leiche verschollen. Der Chefredakteur von Il Manifesto , Gabriele Polo, erinnert daran, dass "Giuliana immer aus der Perspektive der einfachen Leute im Irak berichtet hat, auch als der Diktator Saddam Hussein noch ein Freund des Westens war." Sgrenas Lebensgefährte Pierre Scolari spricht zuletzt. "Ein Albtraum ist wahr geworden." Seine Gefährtin sei schon einmal gekidnappt worden, allerdings nur für wenige Stunden. "Es war vor dem Einzug der Amerikaner in Bagdad. Ein ehemaliger Gardeoffizier hat den Wagen der Entführer angehalten und sie befreit. Giuliana hat immer damit gerechnet, dass ihr so etwas noch einmal passieren könnte."

Stunden nach der Kundgebung trifft unter Führung des italienischen Außenministers und Vizepremiers Gianfranco Fini ein Krisengipfel zusammen. "Giuliana Sgrena ist eine Freundin des irakischen Volkes", hatte Fini zuvor gegenüber arabischen Medien erklärt. Manifesto -Chef Polo lobt den Einsatz des rechtskonservativen Fini. "In diesem Moment zählen unsere unterschiedlichen Positionen zur Irak-Politik nicht", hat der Außenminister der Redaktion der linken Zeitung versichert. "Ich unterstütze eure Absicht, Giuliana Sgrena, ihre Arbeit und ihren Einsatz für den Frieden weithin bekannt zu machen."

Aus dem Irak kommt die Solidaritätsadresse eines sunnitischen Führers, aber auch eine Nachricht aus den Kreisen der Ermittler: Giuliana Sgrenas Entführung war sehr wahrscheinlich seit Tagen geplant und sorgfältig vorbereitet. Womöglich sind ihre Kidnapper nicht, wie man zuerst annahm, gewöhnliche Kriminelle.