irak, märz/april 2003 Tagebuch aus Bagdad

Als im Frühjahr 2003 die Bomben auf Bagdad fielen, hatten die meisten Journalisten die Stadt verlassen. Giuliana Sgrena, die jetzt in Bagdad von Islamisten entführt wurde, ist dort geblieben. Dies sind Auszüge aus ihrem Tagebuch, das die ZEIT während des Krieges veröffentlichte

Sonntag, 16. März
Die Menschen hier bringen uns in Verlegenheit. Wenn sie uns doch hassen würden, dann wäre es leichter, ihnen zu begegnen. Aber nein. Sie sind freundlich, aber nicht unterwürfig; stolz, aber nicht arrogant. Wir fühlen uns wie Barbaren gegenüber ihrer Zivilisation, die in Mesopotamien vor 6000 Jahren entstanden ist. Wer die Bomben abwerfen wird, muss diesen Menschen nicht in die Augen schauen.

Nun, da der Krieg unabwendbar erscheint, ist Panik spürbar, vor allem unter den Kindern. „Vater, sag mir, dass der Krieg nicht kommen wird“, bittet Zeineb, ein sechsjähriges Mädchen. Die Kinder sind die Schwächsten, die Verwundbarsten. „Inschallah“, lautet die Antwort des Vaters Emad an seine Tochter. „Dann werde ich mich unter dem Teppich verstecken“, antwortete Zeineb.

Montag, 24. März
Bagdad ist in einem Ring aus Feuer und Rauch gefangen. Rund um die Stadt hat man Schützengräben ausgehoben und mit Öl angefüllt. Sie werden jetzt nach und nach angezündet. Es ist ein Paradox. Diese mittelalterliche Waffe wird gegen einen Angreifer eingesetzt, der den Krieg führt, weil der Angegriffene angeblich über Massenvernichtungsmittel verfügt.

Mittwoch, 26. März
Ein von Schiiten bewohntes Viertel im Norden der Stadt ist bombardiert worden. Nachdem wir die schwarze Rauchwand durchquert haben, präsentiert sich uns ein entsetzliches Bild: Zwei Bombenkrater am Rand der Straße, der Asphalt ist auf Hunderten Metern umgepflügt, Trümmer von Marktständen, verkohlte Autos. Und dann die halb zerstörten Gebäude. Die Anwohner gehen benommen über das Trümmerfeld. Man sieht nur Männer. Es herrscht Stille. Eine Stille, die lauter ist als jeder Schrei. Alle Opfer sind weggebracht worden. Nur Blutlachen blieben zurück. Die erste Bilanz: 15 Tote. Alles Zivilisten.

Donnerstag, 27. März
Das durchdringende Zischen der Jagdbomber und das Krachen der Raketen gehen direkt ins Hirn, brechen den Verstand auf und nützen die Psyche ab. Die Bombardements sollen die militärische Widerstandskraft schwächen. Sie sollen aber auch die Bevölkerung terrorisieren. Der psychologische Effekt ist garantiert, vor allem bei den Schwächsten, den Kindern. Unter den älteren Menschen nehmen Herzinfarkte zu.

Dienstag, 1. April
Hilla ist der alte Name von Babylon, der Hauptstadt des Reiches von Hammurabi und Nebukadnezar. Die Stadt liegt rund 60 Kilometer südlich von Bagdad. Je weiter wir kommen, desto mehr spüren wir die Nähe des Krieges. Die Schützengräben sind nicht mehr mit brennendem Öl gefüllt, sondern mit Männern und Waffen.

In der Eingangshalle des Krankenhauses drängen sich Verwundete, Ärzte und Betreuer. Der Boden ist über und über mit Blut bedeckt. In den oberen Stockwerken dasselbe Bild. Überall Verletzte. Vielen haben die Ärzte Gliedmaßen amputiert. Körper, die mit Wunden übersät sind. Blut, überall Blut. Keinerlei Desinfektionsmittel. Es stinkt fürchterlich.

Hamid Khalil Hamsa ist 21 Jahre alt. Er liegt in eine Decke eingewickelt im Bett. Sein Vater Khalil steht daneben. Ein Bein des jungen Mannes wurde zermalmt. Blut sickert aus einem provisorischen Verband. Sein Haus ist am Montag gegen Mittag bombardiert worden. In dem Nachbarbett hustet sich ein alter Mann die Seele aus dem Leib. Hamid zuckt jedes Mal zusammen.

Im vierten Stock sind Kinder und Frauen untergebracht. Eine Mutter hockt auf dem Boden, um sie herum sitzen und liegen ihre fünf Töchter. Der kleine Sohn kauert in ihren Armen. Alle sind verletzt. Nur für die schwersten Fälle gibt es Betten.

Nidal Adi, eine 48-jährige Lehrerin, betreut ihre Tochter Rasad Hakim, 20 Jahre alt. Bombensplitter haben beide verletzt. Nidal ist Witwe. Sie sagt: „Ich habe mit dem Regime nichts zu tun. Warum bombardieren sie uns?“

Montag, 7. April
Im Morgenlicht können wir die Konturen von Panzern auf der anderen Seite des Tigris sehen. Sie setzen flüchtenden Irakern nach. Wir erblicken rund ein Dutzend irakische Soldaten. Einige ergeben sich. Trotzdem werden zwei von ihnen erschossen. Andere flüchten. Manche springen in den Tigris. Die Amerikaner schießen auf das Wasser. Plötzlich wird alles von einer Rauchfahne eingehüllt. Der Geruch von Schießpulver sticht in der Nase. Die Luft lässt sich kaum atmen.

Dienstag, 8. April
Es wird immer gefährlicher und schwieriger zu berichten. Am Morgen ist das Studio von al-Dschasira getroffen worden (siehe Seite 6, „Mr. Taliban“ live aus Bagdad). Ein Kameramann des spanischen Senders Tele 5, José Couso, liegt mit zertrümmertem Bein und zerschmettertem Gesicht am Boden. Er wird kurz danach im Krankenhaus sterben. Weiter oben liegt ein Toter, Taras Protsyuk, ein Kameramann von Reuters. Weitere Verletzte, eine libanesische Fotografin, zwei Journalisten einer britischen Agentur.

Wer schießt auf Leute, die einfach informieren wollen? Die Zweifel, wenn es denn welche gibt, verflüchtigen sich sofort. Eine amerikanischer General, Buford Blount, gibt zu, dass ein US-Panzer das Hotel und die Journalisten getroffen hat. Angeblich hätten sich auf dem Dach irakische Scharfschützen befunden. Das ist unglaublich. Auf dem Dach des Hotels, und wir haben alle Anwesenden gefragt, standen nur Journalisten. Es gab keinen einzigen Iraker, geschweige denn einen Scharfschützen.

Mittwoch, 9. April
Der Einmarsch der Amerikaner war für Bagdad kein Festtag. Nie erschien das Ende einer Diktatur so traurig. Die Jubelszenen im Fernsehen, das war das Fest einer kleinen Minderheit. Viel weiter verbreitet war eine andere Reaktion: Vor allem junge Menschen nutzten das Machtvakuum aus, um öffentliche Gebäude und Vorratslager zu plündern. Wenn die Diebe mit ihrer Beute an einem amerikanischen Panzer vorbeifahren, halten sie kurz und begrüßen die U.S. Marines mit: „Hoch lebe Bush!“

Sonntag, 13. April
Vor dem Krankenhaus al-Kindy ist ein Panzer postiert. Er ist allerdings zu spät gekommen. Alles war bereits ausgeplündert. Von den rund 500 Angestellten des Krankenhauses sind nur mehr 50 übrig geblieben. Sie haben von den Marines Schutz verlangt, vergeblich. Danach wandten sie sich an den schiitischen und den sunnitischen Imam. Die beiden haben die Verwaltung des Krankenhauses in die Hand genommen. Sie sorgen auch für eine Nachtwache mit rund 250 islamistischen Aktivisten.

Montag, 14. April
Gestern Abend war die Luft plötzlich voller Aschepartikel und winziger Zettelchen. Das Zeichen einer weiteren Tragödie: Die Nationalbibliothek ist abgebrannt. Wir haben am Morgen versucht, sie zu erreichen. Panzer verstellten uns den Weg. Das dreistöckige Gebäude ist in Rauch gehüllt. Es riecht nach verbranntem Papier.

Den Totengräbern geht die Arbeit nicht aus, besonders nicht im Viertel al-Mansour. Wir sind wieder in das Kinderkrankenhaus al-Iskan zurückgekehrt, eines der wenigen, die der Plünderung entgangen sind. Die Ambulanzen kommen in einem fort, fahren wieder los, kommen wieder zurück. Sie laden Kinder ab, Alte, Frauen und Männer. Die Notaufnahme ist immer voller Menschen. Der Garten voller Gräber.

 
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