Wo immer in Deutschland Synagogen standen, brannten sie, angezündet von SA-Männern, in der Nacht des 9. auf den 10. November 1938 nieder. Auch in Dresden. Von Gottfried Semper, dem Schöpfer des Dresdner Opernhauses und der Gemäldegalerie, 100 Jahre zuvor erbaut, wurde die dortige Synagoge geplündert und in Brand gesteckt. Der Feuerwehr war jegliche Hilfe untersagt. »Das Symbol des rassischen Erbfeindes endgültig ausgelöscht«, so meldete anderntags der siegesgeschwellte Oberbürgermeister Vollzug.

In seinen Erinnerungen Ich war ein Mann der Straße hielt der Dresdner Maler Otto Griebel den Ausspruch eines Mannes fest, der neben ihm in der vielhundertköpfigen Menge stand, die sich an jenem Morgen nach der Brandnacht auf dem Zeughausplatz eingefunden hatte: »Dieses Feuer kehrt zurück. Es wird einen großen Bogen gehen und wieder zu uns kommen.«

Griebel, der zur Brandstätte geeilt war, um selbst zu sehen, was geschehen war, berichtete weiter: »Inzwischen hatten einige uniformierte SA-Leute einige völlig verstört blickende und totenbleiche jüdische Lehrer aus dem nahen israelitischen Gemeindehaus hervorgeholt, ihnen verbeulte Zylinder auf die Köpfe gedrückt und sie vor der johlenden Menge aufgestellt, vor der die Unglücklichen sich auf Befehl hin tief verbeugen und die Hüte von den Köpfen ziehen mußten.«

Es gelang zwar nicht, die Masse der Dresdener zur Plünderung der Geschäfte und Unternehmen, zur Misshandlung der Juden aufzustacheln, das blieb meist das Werk der SA. Doch allein das gleichgültige Hinnehmen dessen, was da an brutalster Misshandlung, an Gewalt geschah, konnte die Naziführung zu neuen Untaten ermutigen.

Allzu viel war schon geschehen. In seinen Tagebüchern aus jener Zeit, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, hat der Romanist Victor Klemperer (1881 bis 1960) minutiös bezeugt, wie der Alltag rassisch Verfolgter aussah und wie der gegen sie gerichtete Zynismus, wie alle Pein, alle Erniedrigung, alle Brutalität und Verschleppung unter den Augen der Dresdner Bevölkerung geschah. Längst waren der bisher hoch geachtete Professor und seine jüdischen Kollegen von der Technischen Hochschule vertrieben. Immer neue demütigende und Todesangst heraufbeschwörende Verordnungen wurden ihnen auferlegt: die Judenkennkarte, der zusätzliche Vorname Israel.

Noch immer lebten 3.600 Juden in Dresden. Wer seine Heimatstadt bisher nicht verlassen, das unsichere Schicksal des Exils nicht auf sich genommen hatte, versuchte es nach den Novemberereignissen, bei denen viele, vornehmlich vermögende Juden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt worden waren. Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann ging es unter anderem auch darum, den Dresdenern endlich den versprochenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Immer neue Schikanen dienten dazu, Juden aus ihren Wohnungen zu drängen. 

Der Krieg, der am 1. September 1939 mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann, machte die Kunststadt, seit 1933/34 bereits eine der größten Garnisonen Deutschlands, endgültig zu einer Soldatenstadt mit der größten Kriegsschule des Heeres. Sehr bald wurde sie auch – mit der »gereinigten« Technischen Hochschule als einem der wichtigsten Standorte der Militärforschung – zu einem nicht unbedeutenden Rüstungszentrum und immer mehr zur wohl größten deutschen Lazarettstadt. Am Ende sollte das schwer getroffene Elbflorenz noch zu einer der letzten »Festungsstädte« Hitlerdeutschlands deklariert werden.