Der erste persönliche Eindruck von Birol Ünel war ein leerer Raum. Ein türkisches Restaurant, am frühen Abend in Berlin-Kreuzberg. Birol Ünel hatte das Restaurant ausgesucht, seine Wohnung liegt in der Nähe. Alle Tische waren unbesetzt. Nach einer halben Stunde ging ich. Am nächsten Tag rief ich Birol Ünel an. "Hab ich vergessen", sagte er, tonlos, nicht mehr. In unserem ersten Telefongespräch hatte mich Birol Ünel darüber belehrt, dass er weder ein deutscher noch ein türkischer Schauspieler sei. "Ich bin ein Reisender", hatte er gesagt. Um das zu verstehen, solle ich Rimbaud lesen, Der Ausverkauf. Menschen, die im ersten Gespräch eine Definition von sich selbst geben und dazu Literatur empfehlen, sind seltsam, dachte ich, vor allem, wenn sie dann zur Verabredung nicht erscheinen, was aber vielleicht mit dem Reisen zu tun hatte. Später wartete ich noch einmal auf Birol Ünel, genau einen Tag, in Istanbul. Er hatte das Flugzeug verpasst und kam einen Tag später. Die folgenden Tage in Istanbul waren anstrengend, obwohl nicht viel passierte.

Ich kam oft an den Punkt, wo ich nicht mehr wusste, warum mir Birol Ünel so wichtig gewesen war. Ich hatte in seinen Abgrund blicken wollen, nun stand ich am Rand und hatte den Rest aus den Augen verloren. Dass ich nach Gegen die Wand gedacht hatte: Birol Ünel ist ein großer Schauspieler. Einer, bei dem einem Worte einfallen, die einem bei manchem amerikanischen oder französischen Schauspieler einfallen, aber kaum bei Daniel Brühl oder Moritz Bleibtreu, auch nicht bei Richy Müller oder Ben Becker: eine verzweifelte Energie. Dämonisch. Eine aggressive Präsenz. Rohheit und Schönheit, Weiblichkeit und Männlichkeit. Das alles hat Birol Ünel in einem Gesicht, in einem Blick. Dieses Gesicht und dieser Blick sagten einem aber auch, dass das alles nicht gespielt war. Man hatte sofort eine Ahnung, dass dieser Mensch ein verstörendes Geheimnis hatte, eine Geschichte, die die wütende Maske zugleich verbarg und zeigte.

Von dem großen Künstler im Menschen war in diesen Tagen in Istanbul allerdings nicht viel zu sehen. Es war ähnlich wie vergangenen Sommer in Kreuzberg, wo ich Birol Ünel oft in einem Café erlebt hatte. Es war immer ähnlich. Birol Ünel war betrunken. Das heißt, er hatte getrunken und spielte dann den Betrunkenen. Im Lexikon steht, dass Rimbaud viel unterwegs war, in Frankreich, Skandinavien und Britisch-Somaliland, aber auch, trinkend, von einem Pariser Café ins andere.

Eines Tages war ich mit Birol Ünel wieder zu einem Gespräch verabredet, bei ihm zu Hause. Er hatte gesagt, ich solle ihn in dem Café abholen, wo er oft saß. Als ich dort ankam, sagte er sinngemäß, die Verabredung könne ich mir an den Hut stecken. Dann kletterte er auf den Tisch. Danach habe ich mit Menschen gesprochen, die Birol Ünel auch erlebt hatten. Birol Ünel ging mir unglaublich auf die Nerven, aber im Gespräch mit diesen Leuten begann ich, ihn wieder zu mögen, vielleicht, weil er auch ihnen auf die Nerven gegangen war. Jedenfalls sah ich alles mit ein bisschen Distanz, wie man sagt, und im Verhalten Birol Ünels, das scheinbar chaotisch war, zeichnete sich ein Muster ab.

Sie lieben ihn. Obwohl er sie alle in den Arsch getreten hat. Er hat sich alles erlaubt, doch sie verteidigen ihn gegen jeden Vorwurf. Er hat sie vergeblich warten lassen, hat verschlafen, hat sich nicht gemeldet, immer wieder. Sie haben ihm immer wieder eine Chance gegeben. Er hat nichts so gemacht, wie sie es ihm gesagt haben. Er hat ständig protestiert. Sie haben nie aufgehört, ihn zu bitten. Er hat sie angeschrien und ihnen vorgeworfen, dass sie ihm keine Achtung entgegenbringen, dass sie gegen ihn sind. Er hat getobt und Sachen kaputt geschlagen. Sie haben seine Empfindlichkeit gesehen, seine Schwäche, sein verletztes Herz.

Sie haben nie aufgehört, nach den Gründen zu fragen. Sie haben sich um ihn gekümmert. Er hat sich noch mehr gehen lassen. Er bringt sich weiter in Gefahr, vor aller Augen, gegen jeden Rat. Sie wünschen das Beste für sein Wohl und seinen beruflichen Werdegang. Sie hoffen, dass er das Trinken lässt, das Rauchen einschränkt und regelmäßig isst. Sie haben Angst um ihn. Sie sind erschöpft gewesen, verzweifelt, am Ende ihrer Kraft. Sie haben ihn verflucht, unzählige Male. Doch wenn er morgen an ihre Tür klopfte, reumütig und geläutert, nicht einmal das, nur mit seinem charmanten Lachen, seinem sanften, traurigen Blick, sie würden öffnen, überglücklich, egal, was passiert ist. Eigentlich geht es nur darum, Filme zu machen. Sie sind Regisseure, Birol Ünel ist Schauspieler. Aber das Verhältnis, das er zu ihnen hat, ist das eines Kindes zu seinen Eltern.

"Da liebt man einen und liebt einen und pflegt einen und pflegt einen, und dann wird man fertig gemacht", sagt Fatih Akin. "Jeder, der Birol Ünel liebt, wird von ihm fertig gemacht." Auch nach Gegen die Wand habe er Birol Ünel noch geholfen. Von Dankbarkeit keine Spur, stattdessen Drama. Vorwürfe, Streit. Wie immer. Im Moment haben sie keinen Kontakt. Fatih Akin flucht. Ob er noch mit Birol Ünel arbeiten will? Doch. Klar. "Ich würde schon gerne wieder mit ihm arbeiten", sagt Fatih Akin.

Vor einem Jahr haben sie auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Fatih Akin hatte das Buch geschrieben und Regie geführt, Birol Ünel eine der beiden Hauptrollen gespielt. Fatih Akin besaß schon einen Ruf, vor allem durch seinen Film Kurz und schmerzlos, Birol Ünel war den meisten unbekannt. Der Film hieß Gegen die Wand. Er erzählte die Geschichte von Cahit, der vergeblich versucht, sich umzubringen, und in der Psychiatrie auf eine junge Frau trifft, die sein Leben verändern wird. Zwei gescheiterte Selbstmörder, beide Kinder türkischer Einwanderer, die einen gemeinsamen Ausweg suchen. Schon damals war klar, dass Cahit, Alkoholiker und New-Wave-Veteran, einiges mit Birol Ünel zu tun hatte. Angefangen mit dem Gefühl, weder türkisch noch deutsch zu sein: Im Film sagt Cahit, er habe keinen Bock auf den traditionellen "Kanakenscheiß".

Birol Ünel reagierte auf der Berlinale gereizt auf jede Frage nach dem Deutschen und dem Türkischen im Film. Solange solche Fragen gestellt würden, sei es um den deutschen Film schlecht bestellt. Auch wenn keiner fragte, konnte Birol Ünel von dem Thema nicht lassen. In einer Schauspieler-Agentur habe man ihn in die Ausländerkartei gesteckt. Wenn Helmut Schmidt sage, es sei ein Fehler gewesen, Gastarbeiter nach Deutschland zu holen, würden seine Eltern verleumdet. Das Multikulturelle solle man endlich als selbstverständlich betrachten, als Geschenk an dieses Land. Es machte ihn wütend, dauernd. Vielleicht war Birol Ünel aber ohnehin dauernd wütend, und das Thema war lediglich das geeignetste, dem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Jedenfalls mochten die Journalisten den gerechten, antirassistischen Zorn, wenn sie nicht gerade sein Ziel wurden, sehr. Manchmal applaudierten sie sogar.

Die anderen Themen waren schon komplizierter. Von seinem Alkoholismus hatte Birol Ünel nach der Berlinale selbst in einem Interview gesprochen. Für die Zeit des Drehs habe er sich ein Limit von fünf Bier am Tag gesetzt gehabt. Birol Ünel erzählte auch von seiner Zeit in der autonomen Szene in Hannover und davon, dass er Neonazis verprügelt habe und deswegen vorbestraft sei. "Bitte nehmt mir nicht meinen schlechten Ruf! Sonst verhungere ich noch", sagte er. Über den Alkoholismus wollte er sich jedoch danach nicht mehr mit Journalisten unterhalten, auch nicht über seinen Ruf in der Branche, impulsiv und schwierig zu sein. Als die junge Frau im Film nach Cahits Vergangenheit fragt, knallt Cahit seine Bierdose an die Wand und wirft die Frau aus seiner Wohnung. Wenn Journalisten Birol Ünel nach dem Alkoholismus und seinem Ruf fragten, bebte er vor Wut und drohte, das Gespräch zu beenden. (Womit sich für die Journalisten zumindest die Frage nach dem Ruf erledigt hatte.) Eine weitere Parallele zwischen Birol Ünel und Cahit war, dass beide ihre Verlorenheit öffentlich zeigten, aufführten.

Birol Ünel hat nie versucht, sein Trinken und sein Betrunkensein zu verstecken. Wenn jemand ein Gespräch mit einem Journalisten beendet, indem er, in einem Café, auf den Tisch klettert, um sich dann, auf der anderen Seite, neben seiner Freundin, die auch in das Café gekommen ist, herunterfallen zu lassen und der Freundin einen langen Zungenkuss zu geben, dann möchte jemand seine Befindlichkeit nicht verbergen. Er macht den anderen zum Zuschauer, ob der andere will oder nicht, zum Ziel einer Inszenierung, seiner Wut, zum Herausgeforderten, der reagieren muss, egal, wie. Er spielt den Clown. Er gibt den Dämon. Er scheint auf der Bühne zu stehen. Wieder, noch, immer. Der mittlerweile preisgekrönte Schauspieler. Cahit, der Verlorene.