Hört mir auf mit dem alten Quatsch!" So reagierte Margarete Speer auf Fragen ihrer Kinder nach der Rolle, die der in Spandau einsitzende Vater im "Dritten Reich" gespielt hatte. Auch als Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer 1966 entlassen wurde, blieb bei Speers – die sechs Kinder waren inzwischen erwachsen geworden – der Nationalsozialismus tabuisiert.

Diesen erstaunlichen Befund teilt uns Speers zweite Tochter, die in Berlin lebende Margret Nissen, in einem Erinnerungsband mit, der verkaufsstrategisch geschickt platziert ist – vor der neuen "Speer-Welle", die der Fernsehfilm von Heinrich Breloer im Mai auslösen wird. In diesem Buch gibt sie einiges aus der Binnenperspektive ihrer Familie preis, über deren Umgang mit dem zwar abwesenden, aber dennoch dominierenden "Familienoberhaupt", über Briefkontakte und Gefängnisbesuche. Auch nach der Entlassung blieb Speer seinen Kindern fremd. "Die Familie zählte für ihn überhaupt nicht" – so die Feststellung seiner Tochter. Schon vor 1945 hatten ihn seine Kinder kaum einmal gesehen, und nach 1966 widmete er sich mit größter Energie der Inszenierung des eigenen Mythos.

Mit seinen 1969 erschienenen Erinnerungen fand er zunächst weit mehr öffentliche Anerkennung als Kritik. Seine Tochter freute sich zwar über seine publizistischen Erfolge, aber ein diffus "schlechtes Gewissen" blieb – mit paradoxen Auswirkungen: Als sie als Fotografin bei der Dauerausstellung Topographie des Terrors mitarbeitete, las sie weder die Begleittexte zu den Fotos, noch ging sie zu Vorträgen. Margret Nissen, die ihren Mädchennamen Speer lieber verschwieg, fürchtete sich davor, mit Verbrechen ihres Vaters konfrontiert zu werden.

Aufschlussreich sind erstmals gedruckte Briefe Speers an seine Frau aus dem Jahr 1945, in denen er seine akribisch kalkulierte Verteidigungsstrategie offen legt: dass er den Engländern und Amerikanern in den Verhören nämlich "Achtung abgewonnen" habe und "anständig bleiben" werde. Genau dies waren die Grundpfeiler des Speer-Mythos nach 1945 – als Technokrat viel geleistet zu haben und als Freund Hitlers "anständig" geblieben zu sein. Weiterhin erfahren wir, dass eine Seilschaft von ehemaligen Mitarbeitern Speers und Industriellen, zu denen Frau Speer rege Kontakte pflegte, ihre Familie finanziell unterstützte. Anzunehmen ist, dass sie viel über die Rolle ihres Mannes und seines Umfeldes im "Dritten Reich" wusste und deshalb wohl auch sämtliche Fragen ihrer Kinder abblockte.

Trotz kritischer Distanz gelingt es Margret Nissen nicht, aus dem Schatten ihres Vaters zu treten: Speer war eben nicht einer von Millionen Deutschen, die "kein Interesse hatten, zum Beispiel von der Judenvernichtung das zu erfahren, was sie hätten erfahren können", sondern er war am Holocaust als Täter beteiligt.