Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden. Gegner und Befürworter von Studiengebühren bombardieren sich nun mit Stellungnahmen, spekulieren, was in Zukunft geschehen wird, und verkaufen ungesicherte Thesen als Wahrheit. So entstehen Mythen, die sich durch Wiederholung verfestigen. Grund genug, einige der sich abzeichnenden Mythen als "unterhalb der Ebene des bewussten Verstehens" kritisch zu beleuchten.

Mythos 1: Mit der Einführung von Gebühren wird die Zahl der Akademiker zurückgehen, Deutschland braucht aber mehr Akademiker.

Dem ersten Teil dieses Arguments widersprechen alle internationalen Erfahrungen. Australien hat es geschafft, mit Hilfe der Gebühren die Zahl der Studierenden um ein Drittel auszuweiten. Die Engländer wollen ihren Studentenanteil erhöhen und finanzieren dies mit Studiengebühren. Glauben deutsche Politiker tatsächlich, dass noch mehr Akademiker mit der augenblicklichen Geldsumme ausgebildet werden sollten? Wem nutzt das? Den Studenten?

Mythos 2: Bildungsrenditen aus einem Studium sind in Deutschland schon niedriger als in Großbritannien oder den USA und sinken durch Gebühren noch weiter ab.

Tatsächlich sind die Bildungsrenditen in Deutschland niedriger als anderswo, aber warum? Der Grund liegt in den langen Studienzeiten, da in die Renditen auf der Kostenseite die entgangenen Einkommen während des Studiums eingehen. Der Bildungsökonom Dieter Dohmen hat errechnet, dass ein um ein Jahr längeres Studium rund 20000 Euro Einbuße an Lebenszeiteinkommen ausmacht. Wenn Gebühren eine bessere Betreuung ermöglichen und dadurch ein Studierender sein Studium um ein Jahr verkürzt, dann zahlt er 5000 Euro Gebühren, gewinnt aber 20000 Euro; der Nettogewinn von 15000 Euro erhöht die Bildungsrendite spürbar. Studiengebühren können uns also im Gegenteil näher an die internationalen Studienrenditen heranführen.

Mythos 3: Durch Gebühren kommen gigantische Schuldenberge auf die Studierenden zu.

Gehen wir von 500 Euro pro Semester und einem fünfjährigen Bachelor- und Master-Studium aus, dann entsteht eine Darlehensschuld von 5000 Euro, die erst ab einer gewissen Einkommensgrenze zurückzuzahlen wäre. Wahrlich kein Schuldenberg, der Absolventen in Verzweiflung stürzen muss. Höhere Schulden resultierten nur bei einem Einbezug der Lebenshaltungskosten. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat errechnet, dass bei 650 Euro Darlehen für den Lebensunterhalt pro Monat und acht Semestern Studium die Schulden von 31200 Euro mit monatlichen Zahlungen von 184 Euro über 25 Jahre zu tilgen sind (248 Euro bei 15 Jahren). Das ist aber nur ein Zusatzangebot zum Bafög; es steht jedem Studierenden frei, dieses Angebot zu nutzen oder nicht. Denn eine Abschaffung des Bafög steht nicht zur Debatte! Eine Bafög-Reform, für die einiges spräche, sollte in der Diskussion tunlichst nicht mit der Gebühreneinführung vermengt werden.

Mythos 4: Sozialverträgliche Studiengebühren sind nur dann möglich, wenn der Staat das Ausfallrisiko für Darlehen übernimmt. Das wird er aber in der aktuellen Haushaltslage kaum tun.