Wissenschaft schottet sich meist hermetisch ab. In ihren Studierstuben entscheiden ein paar Experten darüber, was die Welt wissen wollen könnte, und bewilligen die entsprechenden Mittel. Die beauftragten Forscher machen sich ans Werk, finden etwas heraus, steigen bald selbst zu Entscheidern auf und bewilligen dann ihren Nachfolgern die Mittel. Der Kreis schließt sich.

Die Suche nach Botschaften von Außerirdischen in Daten von Radioteleskopen (Seti) hat in diesem System wenig Chance auf Förderung. Wie gut, dass die Seti-Forscher auf die tätige Mithilfe der Laien bauen können. Seit einigen Jahren zapfen die Wissenschaftler übers Internet die heimischen Computer der Bevölkerung an. Wer will, kann bei seti@home (sprich: seti at home) mitwirken, sich ein Progrämmchen auf den Rechner laden und dann den PC in Kreativpausen automatisiert nach Signalen von kleinen grünen Männchen suchen lassen. Ist ein Paket abgearbeitet, kommt die nächste Rechenaufgabe ins Haus.

Nach den Exoten will nun auch die etablierte Wissenschaft von der verteilten Rechenkraft profitieren. Wo der Bürger früher kein Mitspracherecht hatte, wird ihm jetzt ganz schwindlig vor Möglichkeiten. Soll er seinen Heim-PC dreidimensional Molekülmodelle falten (predictor@home) oder lieber das zukünftige Klima modellieren lassen (climatePrediction.net), soll er seinen Rechner auf die geheimnisvolle Spur von Gravitationswellen schicken (einstein@home) oder eher auf den Pfad des Higgs-Teilchens (lhc@home)? So viel Demokratie war nie in der Wissenschaft.

Die Popularität einer wissenschaftlichen Fragestellung lässt sich in Zukunft leicht an der Anzahl beteiligter Laienrechner ablesen. An seti@home waren bisher 5343984 Nutzer beteiligt, 3408 Teilnehmer entschlossen sich fürs große Klimarechnen. Vielleicht taugt der @home-Faktor in Zukunft als Qualitätsmaß: Wer am meisten Rechner für sich einnehmen kann, bekommt noch einen Sonderbonus von der Deutschen Forschungsgemeinschaft obendrauf.

Was aber ist mit den Geisteswissenschaften? Wo bleibt das verteilte Nachdenken über Hegels Phänomenologie des Geistes? Eigentlich existiert auch dieses Projekt schon. Es heißt Wikipedia und ist das demokratischste aller Lexika im Internet – erstellt und korrigiert von den Nutzern. Dort aber fehlen notorisch geisteswissenschaftliche Einträge. Es wird Zeit für hegel@home.