Abflug nach Osten

Chinesische Filme, die im Westen liefen, waren zu Hause meist verboten. Jetzt ist das anders: Eine neue Generation von Regisseuren hat es auch durch die Zensur geschafft. Fünf Hausbesuche bei den chinesischen Stars der Berlinale

Die Ampel vor dem Tiananmen-Platz schaltet auf Grün. Mit einer sanften Handbewegung lässt Lu Chuan die Automatik seines Lexus-RX300-Geländewagens einrasten. Lautlos zieht der Wagen an. Lu sagt, er fahre ein asiatisches Modell, weil er nicht BMW oder Mercedes fahren wolle. Die deutschen Autos seien etwas für Neureiche. Auf Lus breitem Armaturenbrett klebt eine Donald-Duck-Figur, unter seinem beigen Ledersitz liegt eine Flasche Evian-Mineralwasser. Evian ist in Peking zehnmal so teuer wie chinesisches Mineralwasser. Der 34-jährige Lu trägt Turnschuhe, Jeans und Lederjacke und redet über Peking, wo er seit 15 Jahren lebt. Er sagt, es gebe keine typische Pekinger Kultur mehr. Alles ändere sich zu schnell. Die Straßen sähen aus wie in Shanghai oder jeder anderen Stadt. So erklärt Lu, warum er noch keinen Film über Peking gedreht hat.

Er ist auf dem Weg in sein neues Büro. Ein reicher Gönner hat es ihm verschafft, den Namen will er nicht nennen. Er parkt den Lexus vor einem Hofhaus direkt gegenüber der roten Mauer des Kaiserpalastes. Drinnen der Empfangssaal ist wie ein traditionelles Teehaus eingerichtet, an den Wänden hängen kalligrafische Tuschzeichnungen, auf den Tischen steht feines Geschirr. Lu wählt einen freigeräumten Tisch und serviert Tee in Pappbechern. Beim Hinsetzen bricht er die Armlehne eines Stuhls ab. Er ist noch nicht zu Hause im neuen Büro. Lu stellt die Frau seines Gönners als seine Geschäftspartnerin vor, eine große, ältere Dame im langen Kleid. Als sie wieder fort ist, sagt er: »Die in China das große Geld haben, sind keine normalen Menschen.«

Lu aber ist auf diese Menschen angewiesen. Mit ihrem Geld will er seinen nächsten Film drehen über das Massaker von Nanking, die Gräueltat japanischer Soldaten im Jahr 1937. Lu denkt an einen »neutralen Film«. Er sagt: »Ich bin kein Nationalist.« Er hat an diesem Tag schon den Chef einer Aktienfirma und den Besitzer einer privaten Filmagentur getroffen. Für Lu ist das die einzige Möglichkeit, als Filmemacher in China unabhängig zu bleiben. Sonst gebe es nur den offiziell propagandistischen und den a priori politischen Underground-Film, der von ausländischen Festivals abhängig sei. Mit Underground meint Lu in China verbotene, meist systemkritische Filme, die in der Regel nur auf ausländischen Festivals gezeigt werden. »Underground bedeutet nicht unabhängig«, sagt Lu. »Ich dagegen bin unabhängig, weil ich die Unterstützung des chinesischen Publikums habe.«

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Er kann das so sagen, denn Lu Chuan ist Chinas große Kinohoffnung. Kaum ein Experte, der ihn nicht für den begabtesten Jungregisseur des Landes hält. Zwei Filme, ein Krimi und ein Tibet-Western, haben ihm in den letzten Jahren nicht nur gute Kritiken im Ausland, sondern auch Erfolge an den chinesischen Kinokassen eingetragen – jetzt ist Lu mit seinem zweiten Film Kekexili (Mountain Patrol), einer epischen Verfolgungsjagd von Wilddieben durchs Tibeter Hochland, ins Forum der Berlinale eingeladen.

Lu gelingt mit dem Tierschutz-Aspekt seines Films ein genialer Trick: Seine Sicht auf Tibet ist sowohl in China als auch im Westen politisch korrekt. Das verhilft Kekexili zu einer Premiere: Zum ersten Mal schafft es ein offiziell genehmigter chinesischer Film, erst in den eigenen Kinos erfolgreich zu sein und dann noch zu einem der großen internationalen Filmfestivals eingeladen zu werden. Bisher schloss ein Erfolg in China die spätere Anerkennung im Ausland aus. Lus Tibet-Western bricht das Tabu. Aber auch mit dem chinesischen Wettbewerbsbeitrag, Gu Changweis kulturrevolutionärem Familiendrama Kong que (Peacock), kommt ein Film nach Berlin, der fast zeitgleich die chinesischen Kinos erreicht. Als wollten sich die chinesischen Regisseure beweisen, dass beides möglich ist: Erfolg in China und im Westen.

Gu Changwei lebt in der Pekinger Altstadt am Houhei-See. Sein Lieblingslokal ist eine kleine Szene-Bar am See, in der sich die Kundschaft um drei Holzöfen sammelt. Draußen läuft sein Sohn mit seiner Kinderfrau auf dem zugefrorenen See Schlittschuh. Von dort kommt Gu zu Fuß zur Bar – in einer schwarzen Daunenjacke, die hier alle zu tragen scheinen.

Gu, Jahrgang 1957, ist Chinas bekanntester Kameramann und war fast an jedem großen chinesischen Festivalerfolg der letzten 18 Jahre beteiligt. Mit Chinas berühmtesten Filmemachern, Zhang Yimou und Chen Kaige, studierte er in einer Klasse, für sie filmte er Das Rote Kornfeld und Lebewohl meine Konkubine, später arbeitete er für Robert Altman in Hollywood. Insofern genießt Gus Werk Weltruf, und niemanden dürfte die visuelle Kraft seines ersten selbst inszenierten Filmes erstaunen. Peacock holt das China der siebziger Jahre zurück auf die Leinwand, so privat, so dicht, so nah, dass Gus bildliche Gestaltungsgabe ganz der Einfühlung in die Alltagsdramatik der damaligen Zeit dienen kann. Erzählt wird die Geschichte dreier Geschwister, die an der Suche nach einem stabilen Platz in der Gesellschaft scheitern. Die gleichmacherische Gnadenlosigkeit der Diktatur wird hier allein über private Erlebnisse vermittelt.

»Ich möchte Intimes zeigen«, sagt Gu. Sein Film ist ein Sittenporträt der eigenen Jugendzeit, voller schöner Erinnerungen und versteckter Sozialkritik – insofern treu dem Stil, den seine, die so genannte 5. Generation der chinesischen Filmemacher auszeichnet. Denn auch Zhang Yimou und Chen Kaige waren stets Meister darin, chinesische Tradition bildlich zu verherrlichen und zugleich inhaltlich zu kritisieren.

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