Einen Film, dessen berühmte Darsteller sich für nichts weniger interessieren als ihren Glamour, die von ihrer eigenen Präsenz gelangweilt scheinen und mit liebenswerter Demut eingehen ins große Gaga-Ganze, kann man wohl als Anti-Starfilm bezeichnen. Vielleicht sogar als Anti-Festivalfilm. Wer The Life Aquatic von Wes Anderson gesehen hat, dem wird der Berlinale-Zirkus zumindest für eine Weile sehr seltsam vorkommen. Plötzlich scheint es eine absurde Vorstellung, dass Menschen zum aufgeregten Geschrei anderer Menschen über einen roten Teppich stolzieren.

Dabei gibt sich Andersons Wettbewerbsbeitrag kein bisschen subversiv. Womöglich möchte er auch nichts erzählen, sondern einfach nur da sein. So wie das seltsame Schiff, in dem ein berühmter Unterwasserfilmer namens Steve Zissou (Bill Murray) seit Jahrzehnten die Weltmeere befährt. Sein angerosteter Kahn, eine Fünfziger-Jahre-Ausstattungsfantasie, entpuppt sich als luxuriöses Expeditionsgehäuse mit Bibliothek, Meereslabor, Tonstudio und türkis gekacheltem Wellness-Bereich.

Einfach nur da ist Bill Murray, als unendlich melancholische Wiedergeburt von Jacques Cousteau. Müde und von der Welt enttäuscht, blickt er über den Ozean. Einfach nur da ist seine lasziv über die Decks schreitende Gattin, gespielt von einer ununterbrochen rauchenden Anjelica Huston. Einfach nur da sind der neckisch in Boxershorts herumstapfende Willem Dafoe, eine immer kurz vor der Hysterie agierende Cate Blanchett, ein dreibeiniger Hund und der immer noch ungemein erotische Jeff Goldblum.

Will man sich unbedingt auf eine Handlung versteifen, dann erzählt The Life Aquatic vom letzten Abenteuer eines Unterwasserfilmers, dessen Spätwerk gerade den Spannungsgrad eines mitternächtlichen Aquarium-Testbilds erreicht hat. Noch einmal wird Zissou ausfahren, um seinen besten Freund zu rächen, der von einem Jaguar-Hai verschlungen wurde. Wir erleben die Jagd nach dem Tier, aber auch Piratenüberfälle, Affären, Ehekrisen und Kidnapping auf hoher See. Manchmal braust das Geschehen unvermittelt auf, dann wieder geschieht über lange Strecken einfach gar nichts.

Natürlich kann man sich fragen, wozu ein Meeresfilm einen Gitarristen braucht, der alle David-Bowie-Songs auf Brasilianisch säuselt. Weshalb alle Crewmitglieder rote Cousteau-Mützen tragen und warum die Besatzung in skurrilen Taucheranzügen endlos durch tropische Pfützen patscht. Genauso gut könnte man aber auch fragen, ob sich ein Film solche Fragen gefallen lassen muss.

Vielleicht sollte man sich Life Aquatic ein wenig wie das Kino gewordene Endstadium der früheren Harald Schmidt Show vorstellen. Die Familie der Stars und ihre zärtlich gehegten Requisiten, ausufernde Studiobauten und im Nichts versickernde Dialoge – alles verbindet sich zu einem einzigen großen melancholischen Zeitvernichtungsunternehmen. Da der Film jede Art von Handlung als fadenscheinige Sinnproduktion betrachtet, kann er sie auch gleich ins Absurde ausufern lassen.

Am Ende von The Life Aquatic sitzen Huston, Murray, Blanchett, Dafoe, Goldblum und all die anderen in einem winzigen U-Boot und starren in die Tiefe des Meeres. Für einen atemlosen Moment taucht der gigantische Jaguar-Hai auf und verschwindet in der schwarzen Leere. Es ist eine liebevolle Kinometapher, ein endloser Augenblick, ein wunderschönes Fantasiegebilde. Wahrscheinlich ist jeder Film, ist das Kino, ist die ganze Berlinale eine einzige Suche nach dem Riesenfisch.