Nichts ist so intim wie Popmusik. Klar, eine große öffentliche Sache, viel Geld, Technologie, Investitionen und Kulturkämpfe. Und doch haben die Regisseure von Biopics und Doku-Dramen Recht, die ihren Stoff in den Lebensläufen von Musikern, Szenen, Bewegungen und Bands suchen. Denn der Job der Popmusiker heißt in der Regel, aus den wenig bearbeiteten Macken und Psychosen, Traumata und Tragödien der eigenen Person marktgängige Ware herzustellen, um dann daran umso marktgängiger dramatisch zu scheitern. Das altbackene bürgerliche Künstlerdrama aus Genie und Wahnsinn ist der banale Alltag ihres zum biopolitischen Gesamtkunstwerk, zur Überschreitung der Kunst-Leben-Schranke drängenden Genres. Das Problem der Filmemacher sind nur die katastrophalen Konventionen, die grauenhaften Gewohnheiten, die den Musikfilm seit den Siebzigern fest mit ihren Klauen umklammern: Backstage-Mystik, Rock-Urviech-Metaphysik und die Mär von den jungen Leute aus üblen Verhältnissen, die es mit viel Fleiß geschafft haben.

Mit diesem Elend hat aber erfreulicherweise nur der schwächste unter den hier zur Diskussion stehenden Popmusikfilmen ein bisschen zu kämpfen. Doch ein gewisses Reflexionsniveau zeichnet sogar Kevin Spaceys Film Beyond The Sea aus: eine Hommage an Bobby Darin, zu sehen im Panorama der Berlinale. Spacey singt dabei den bekannteren Teil von dessen Repertoire, spielt die Hauptrolle und führt Regie. So trifft auch die Rahmenhandlung etwas, in der der Darsteller des jungen Darin dem wirklichen und alten beziehungsweise toten Darin erklärt, wer er eigentlich war. Natürlich ist der kesse, aber aufrichtige junge Mann ein ebenso unerträgliches Stereotyp wie der die Last der Welt schleppende ältere Schnulzier. Aber die unsicher gespürte Notwendigkeit, Möglichkeit und Methoden eines solchen Biopics infrage zu stellen, adelt die folgende Aneinanderreihung von Innenaufnahmen aus dem Designmuseum mehr als Spaceys wackeres Bemühen, als Sänger aller von Bobby Darin berührten Genres zu glänzen. Von den auf kleine, lange im Voraus absehbare, rampensäuische Gratis-Pointen zugeschnittenen Dialogen ganz abgesehen.

Die Sexualität, die Drogen und der andere satanische Kram

Bobby Darin war schon ein Rock-’n’-Roll-Sänger auf dem Wege zum Erfolg, als er dann doch lieber der neue Sinatra werden und Standards in Nachtclubs singen wollte. Und Erfolg hatte, obwohl er auf das vom Weltgeist abgehalfterte Pferd setzte: Alles, was die Geschichte zum Untergang verdammt, kriegt ja zunächst noch ein paar fette Jahre.

Bobby Darin verhielt sich zu Elvis wie Arnold Gehlen zu Adorno. Kein Wunder, dass ihm diese neokonservativen Zeiten endlich ein Denkmal setzen wollen. Politisch aber war er – eine besondere Perfidie des Lebens – ein linker Demokrat, der sich für die Bürgerrechtsbewegung einsetzte, nach einer Lebenskrise sein Hab und Gut den Ghetto-Bewohnern von Watts stiftete und nun ausgerechnet in Nachtclubs mit maximal einfältigen Protestsongs gegen den Vietnamkrieg bestehen wollte. Spacey muss dieses entsetzliche, aber bezeichnende Showbiz-Schicksal natürlich als Ein-Mann-muss-tun-was-ein-Mann-tun-muss-Story heroisieren.

Darins eigentliches Problem – und das scheint denn doch eine Konstante des Pop-Business – soll indes seine Mutter gewesen sein. Das war nämlich eine andere, als er gedacht hatte. Trauma. Versöhnung. Tränen. Triumphe in Vegas.

Auch Daniel Johnstons kreative Karriere beginnt mit einem versuchten Muttermord. Der kleine Daniel, der seit frühester Kindheit rasend kreativ Milliarden von Comic-Zeichnungen, Tape-Recorder-Literatur, Musik und Super-8-Filmen produzierte, debütierte als Zehnjähriger mit einem Slapstick-Minidrama über einen von seiner Mutter drangsalierten und schließlich Rache übenden Knaben, in dem er virtuos beide Rollen spielte. Jeff Feuerzeigs The Devil And Daniel Johnston (ebenfalls im Panorama) hat sich den Gattungsnamen Dokumentarfilm wohlverdient. Mit Johnstons Tape-Tagebüchern, Filmen und Zeichnungen verfügt er über genügend Material, um der Legende um den manisch-depressiven, wiederholt gemeingefährlich auffälligen Monomanen auf den Grund zu gehen.

Der leicht linkische Hochbegabte mit den christlich fundamentalistischen Eltern verliebt sich jung in ein – lustigerweise an einen angehenden Begräbnisunternehmer vergebenes – Mädchen und schreibt anschließend einige Millionen Songs für sie. Bis heute. Die anderen handeln vom Teufel, den Beatles und seinem faszinierenden Paralleluniversum. Seit den mittleren Achtzigern weiß das Independent-Music-Amerika von ihm und versucht ihn herumzureichen. Das scheitert regelmäßig an psychotischen Schüben und religiösem Wahnsinn. Schallplatten erscheinen, MTV interviewt, Sonic Youth laden nach New York. In dreijährigen Abständen wiederholen sich die Erfolge, dazwischen liegt ein versuchter Totschlag – er will einer alten Dame ihre Dämonen austreiben, die vor Angst aus dem Fenster springt – und ein erheblicher Eingriff in den Luftverkehr: Er bringt die von seinem Vater geflogene Cessna zum Absturz, weil er sich für Casper, das freundliche Gespenst hält (beide überleben knapp). Psychopharmaka schwemmen ihn auf den dreifachen Leibesumfang auf.