Aufstieg in den Untergang

Das faschistische Subjekt: Lutz Hachmeister lässt Goebbels reden; Malte Ludin erforscht den Vater

Das Ärgerlichste an Lutz Hachmeisters Film ist der Ruf des Tabubruchs, der ihm vorauseilt. Aber welches Tabu soll gebrochen, welche »Aufklärung« geleistet werden?

Der Publizist, Medientheoretiker und Filmemacher Lutz Hachmeister hat Zitate aus den Goebbels-Tagebüchern ausgewählt und sie mit historischen Filmaufnahmen unterlegt. Gut hundert Minuten lang wird Joseph Goebbels »Ich« sagen und seine Affenliebe zum »geliebten Führer« erklären. Er wird mit säuselnder Stimme hetzen und geifern, lieben und vernichten. Seine Phrasen greifen ineinander wie die Glieder einer Panzerkette. Niemand wird seinen Aufstieg zum NS-Propagandaminister aufhalten. Dr. phil. Joseph Goebbels aus Rheydt macht seinen Weg, als habe das Schicksal es so gewollt.

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Hachmeisters Film, zu sehen im Panorama der Berlinale, ist authentisch, ebenso authentisch wie die Lügen von Goebbels. Von wenigen Hinweisen abgesehen, verzichtet er auf historische Erklärungen, erst recht auf moralische Wertung. Er löst den Redner aus dem politischen Kontext und riskiert den Eindruck, Goebbels sei eine mythische Figur und seine Karriere von fatalistischer Konsequenz.

Handelt es sich also um einen Film, der wie Eichingers Untergang sich in »einfühlsamer Banalität« ergeht (Gertrud Koch)? Selbst wenn Hachmeister es beabsichtigt hätte, es könnte gar nicht gelingen. Denn zwischen Stimme und Bild, zwischen den (von Udo Samel gelesenen) Tagebuchsätzen und den Filmsequenzen wuchert etwas, das kein Regisseur kontrollieren kann: die Monstrosität, mit der das Wort zur Tat wird. Monströs ist, wie Goebbels’ Rede widerstandslos in Realität übergeht. Heute verspricht er die Weltherrschaft, morgen liegt die Welt in Trümmern. Eben noch nennt Goebbels den Krieg eine Naturnotwendigkeit, und Russland steht in Flammen. Er verklärt den Tod zum Leben, und alles verbrennt zu Asche. »Nun Volk steh auf und Sturm bricht los.«

Was Hachmeister vor allem interessiert, ist der »Medientheoretiker« Joseph Goebbels, der sich nach kurzem intellektuellen Irrlauf die Lehre der Weimarer Rechten zu Eigen macht: Man darf Massenmedien nicht verteufeln, man muss sie für seine Sache nutzen im Kampf gegen Marxismus und jüdisches Großkapital. Rundfunk, Film und Zeitungen sind für Goebbels eine Kriegstechnik nach innen. Sie befestigen den Mythos in den Köpfen, denn was zählt, ist nicht die Realität, sondern das Bild, das von ihr erzeugt wird.

Dabei ist es nicht so, dass Goebbels deutsche Denkmuster für den Nationalsozialismus bloß medial missbraucht. Nein, ohne die völkische Kehre des Bürgertums und ohne die Freiheitsfeinde der »Konservativen Revolution« wären seine Tiraden undenkbar. Einmal zeigt Hachmeister Goebbels bei einer Sitzung des Völkerbundes. Selbstredend verachtet er den »Parlamentarismus der Nationen«, die »Demokratie auf Weltebene«. Wie Friedrich Nietzsche hasst er alles, was nach Moral »riecht«. Das »Gift« des weltbürgerlichen Geistes muss durch das »Völkische« ersetzt werden. Wahr ist, was sich durchsetzt, und was sich durchsetzt, das ist schön und »hat Stil«. Der Auftritt der Engländer beim Völkerbund ist jämmerlich; sie haben »keine Klasse«.

Hachmeisters Film fügt der Forschung keine neue Einsicht hinzu. Seine Personalisierung verstärkt eher die Ratlosigkeit darüber, wie aus einem Intellektuellen, der im Bildungshumanismus zu Hause war und bei Friedrich Gundolf studiert hatte, wie aus dem Herrn Doktor einer der größten Verbrecher des Jahrhunderts wurde.

Doch nicht alles bleibt im Nebel. Hachmeister zeigt Goebbels als Antisemiten von Anfang an. »Es fehlt in Deutschland die starke Hand, die das Judenpack, das sich dem Volksgemeinschaftsgedanken nicht fügt, an die Luft setzt«, notiert der »einsame« Goebbels bereits 1924. Der Jude muss vernichtet werden, weil er existiert.

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