Nach der Bombe die Engel

Kann das Kino von SelbstmordAttentätern erzählen? »Paradise Now«, der Wettbewerbsfilm des Palästinensers Hany Abu-Assads geht das Wagnis ein

Es gibt Menschen, die genau wissen, was nach dem Tod kommt. Jalal gehört zu ihnen. Er weiß nicht nur, dass das Paradies wartet, er weiß auch, wie man dorthin gelangt. »Zwei goldene Engel kommen. Sie werden Euch davontragen!«

»Bist du sicher?«, fragt ihn Khaled.

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»Ganz sicher!« Jalal klopft dabei mit den Fingern nervös auf das Armaturenbrett des Autos. Dann schweigt er.

Draußen rumpelt die geschundene Landschaft der Westbank vorbei, drinnen macht sich Stille breit. Es geht Richtung israelische Grenze, zu einem Zaun, der durchschnitten wird, damit die beiden jungen Männer, die im Fond des Wagens sitzen, ihren Auftrag ausführen können. Khaled und Said sollen dort möglichst viele Israelis in den Tod reißen, Uniformierte oder Zivilisten. Ganz gleich, nur möglichst »effizient« sollen sie sein, wie es Jalal ausdrückt. Die beiden Männer sind palästinensische Selbstmordattentäter.

Die unerbittliche Logik von Vernichtung und Tod

Sie stehen im Zentrum des palästinensischen Wettbewerbsbeitrags Paradise Now von Hany Abu-Assad. Das Projekt selbst ist ein Wagnis. Wer sich mit Mördern eingehend beschäftigt, setzt sich der Gefahr aus, in eine Rechtfertigung für ihre Taten abzurutschen. Abu-Assad hat es verstanden, diese Falle zu umgehen.

In langen, manchmal unerträglichen Kameraeinstellungen erklären die beiden Protagonisten, warum sie keinen anderen Ausweg sehen, als den, sich gegen Israel mit mörderischer Gewalt zu wenden. Aber immer dann, wenn man zu fürchten beginnt, dass der Film ins Genre der Propaganda schlittern könnte, greift der Regisseur ein. Er bricht den autistischen Monolog der beiden jungen Selbstmordattentäter auf. Er tut es mit den Mitteln der Ironie, oder besser: Wenn der Tod alles seiner unerbittlichen Logik unterwerfen will, bringt er das Leben selbst wieder ins Spiel. Mit seiner widerständigen Konkretheit entzieht es sich der Totalität, den der Märtyrertod für sich beansprucht.

Als Khaled sich vor der Videokamera aufstellt, Kalaschnikow in der Hand, Palästinenserschal um den Hals, als er beginnt, vor der Nachwelt zu rechtfertigen, was zu tun er sich nun anschickt, versagt die Technik. Khaled fängt wieder an, seinen Text von einem Blatt zu lesen, und wieder setzt die Videokamera aus. Schließlich funktioniert sie, und als der junge Mann sich wieder bereitmacht, sein eigenes »Opfer« zu erklären, beißt der Verwalter der Selbstmörder, Jalal, herzhaft in ein Kebab. Irritiert unterbricht sich Khaled und sagt einen denkwürdigen Satz: »Übrigens, Mama, das nächste Mal kaufe ich die Wasserfilter. Ich weiß ein Geschäft, das sie billiger abgibt!«

Das hat fast schon etwas Komödiantisches und nimmt dem Film doch nichts von dem großen Ernst, mit dem er das Thema behandelt. Ob denn Said und Khaled in ihrer mörderischen Absicht zu verstehen sind oder nicht, das ist nicht die Frage, die sich der Regisseur stellt und deshalb auch nicht beantworten will.

Abu-Assad geht es um einen tiefen Einblick in die palästinensische Gesellschaft. Israel taucht dabei nur als Schablone auf, vor der sich diese ganz und gar palästinensische Tragödie abspielt. Es geht ihm um Schicksale von einem wie Said, Sohn eines von den Palästinensern hingerichteten Kollaborateurs, der zuerst seine Tat nicht vollbringen kann und in das Westjordanland zurückkehrt. Einen Tag lang wird er umherirren, mit der Bombe um den Körper geschnürt, bedrängt von Suha, die ihn abbringen möchte, weil sie nichts hält vom Morden, von Suha, die ihn liebt und doch nicht halten kann.

Schon seinen vorherigen Film Rana’s Wedding erzählte Abu-Assad aus dem Inneren der palästinensischen Gemeinschaft: Rana, ein 18-jähriges arabisches Mädchen in Jerusalem, muss an einem einzigen Tag seinen Freund finden und heiraten. Sie rennt durch die Stadt, steigt in Taxis und Busse, organisiert die Trauungspapiere, mobilisiert die Verwandten und einen Geistlichen. Sie passiert die israelischen Militärposten, streift die Beerdigung eines palästinensischen Märtyrers und legt sich mit Soldaten an. Es geht um den Albtraum einer Stadt, in der ziviles Leben ein permanenter Kraftakt ist, um die Wut einer Generation, die ihre so genannten besten Jahre verliert, und um die Hoffnungslosigkeit, das alles zu hassen, ohne etwas ändern zu können.

Said und Khaled in Paradise Now – werden sie sich am Ende in die Luft sprengen oder doch noch die Sinnlosigkeit ihrer Aktion einsehen und sich im letzten Moment zurückziehen?

Über Abu-Assads neuem Film thront der geschäftige Jalal, der die beiden Jungen anleitet. Jalal ist eine Nebenfigur, und doch ist er zentral. Denn er verkörpert den routinierten Apparatschik der palästinensischen Selbstmörderproduktionsmaschine. Alles ist bei ihm ist ritualisiert, alles ist leer. Diese Leere füllt er mit der Verzweiflung von Rekruten wie Said und Khaled, und er verwaltet sie mit mörderischer Gewissenhaftigkeit. Indem Abu-Assad das Maschinenhafte Jalals entlarvt, stößt er ins Herz des Themas vor. Dort, das lässt uns der Film erkennen, herrscht nicht der Hass. Es ist viel schlimmer. Es wütet die Kälte der Mordbürokraten.

 
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