Die ehrliche Hochstaplerin
Kann man eine zum Tode Verurteilte spielen, wenn man selbst nie in Lebensgefahr war? Eine Begegnung mit Julia Jentsch, der Hauptdarstellerin des Filmes »Sophie Scholl – Die letzten Tage«
Am Abend des Tages, als Julia Jentsch in der Rolle der Sophie Scholl zum Schafott geführt wurde und die Hinrichtungsszene spielte, musste sie auf der Bühne der Münchner Kammerspiele gleich noch einmal ihr Leben lassen, als Antigone. »Da dachte ich mir«, sagt Julia Jentsch, »das kann nicht sein, ich doch heute schon gestorben.«
Das ist wohl das Los einer außergewöhnlichen Schauspielerin. Etwas Besseres als ihren Tod finden die Regisseure selten. Diese Spielerin will man bis zum Ende begleiten, und in der Art, wie sie den Schmerz gestaltet, ist sie unsere würdige Stellvertreterin. Wenn es zum Wesen der Tragödie gehört, dass ihre Helden in den Zuschauern einen Trennungsschmerz erzeugen – der Held geht, wir bleiben zurück –, dann hat Julia Jentsch das Zeug zur Tragödienspielerin.
Sie stirbt als Desdemona in Othello (unter Luk Percevals Regie auf der Bühne der Münchner Kammerspiele), sie stirbt als Antigone am selben Ort (unter Lars-Ole Walburgs Regie), sie wird vernichtet als Brunhild in Hebbels Nibelungen (Regie: Andreas Kriegenburg). Und sie wird zum Schafott geführt in Sophie Scholl – Die letzten Tage, dem Film von Marc Rothemund (Regie) und Fred Breinersdorfer (Buch), der jetzt im Wettbewerb der Berlinale zu sehen ist.
Der Film handelt von den letzten Lebenstagen der Sophie Scholl; er beginnt am 17. Februar 1943 und endet am 22. Februar 1943, 17 Uhr, mit Sophies Hinrichtung. Er zeigt, wie Sophie mit ihrem Bruder Hans und den Leuten von der Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« ihre Flugblattaktion plant, wie Hans und Sophie in der Münchner Uni gefasst werden (Sophie stieß im Übermut, vom Adrenalin berauscht, einen Stapel Flugblätter aus dem obersten Stock ins Treppenhaus), wie Sophie von dem Gestapo-Beamten Robert Mohr verhört wird, wie Hans und Sophie Scholl und ihr Mitstreiter Christoph Probst vom »Blutrichter« Roland Freisler, dem aus Berlin angereisten Präsidenten des Volksgerichtshofes, niedergeschrien und zum Tod verurteilt werden, und er zeigt, wie Sophie in der Metallmanschette unter dem Fallbeil zu liegen kommt. Keine Vorgeschichte, keine Nebenhandlung, nur dies: Eine Frau wird in ein System eingegeben, das keine Umkehr, keine Gnade kennt. Die Zuschauer begleiten sie bis zum Ende.
Es ist eine Opferrolle, aber Julia Jentsch spielt sie so, dass das Opfersein wie eine freie, wie die einzig mögliche Entscheidung erscheint; diese Frau hat beschlossen, sich in der Entwaffnung zu behaupten.
Gibt es eine schauspielerische Methode, mit der sie sich der Sophie Scholl genähert hat? Gab es Momente, da sie sich mit ihr eins gefühlt hat? Oder blieb Sophie eine mystisch-überlegene Dialogpartnerin?
»Dialogpartnerin«, sagt Julia Jentsch, »ist ein Wort, das es vielleicht trifft. Man hofft bei jeder Figur, dass man für sie die geeignete Methode findet. Es ist der Versuch, an die Wahrheit einer Person heranzukommen. Man sucht Strohhalme, etwas, was einem helfen kann, seien es Texte oder Zeitzeugenerzählungen oder Fotos. Man sammelt das alles. Wenn man in Räumen war, von denen man wusste: Da ist Sophie Scholl auch durchgegangen, fragt man sich schon: Was hat sie gedacht; was hat sie wahrgenommen? Wie ist sie gegangen? In solchen Momenten sieht man sie neben sich und würde sie gerne fragen können.«
Julia Jentsch sagt oft »man«, wenn sie »ich« meint. Sie weiß demonstrativ weniger als jede ihrer Figuren, sie ist scheuer als die renitente Jule (in Hans Weingartners Filmkomödie Die fetten Jahre sind vorbei), sie ist vorsichtiger als Antigone, zurückhaltender als Desdemona, bedächtiger als Sophie. Im Gespräch hat man den Eindruck, diese Differenz belustige sie und sei ihr peinlich – als müsse man sie für eine Hochstaplerin halten, die in Schicksalen steckt, die sie nicht kennt, und Affekte herstellt, die nicht ihre sind.
- Datum 10.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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