Film im Kopf

"Welche Geschichte würden Sie erzählen, welche Bilder würden Sie drehen, wenn Sie unbegrenzte Mittel hätten und jeden Schauspieler der Welt besetzen könnten?" Neun deutsche Regisseure fantasieren über den Film, den sie immer schon mal machen wollten

Christian Petzold

Eine Horrorvorstellung. Alles haben zu können. Besonders Freiheit. Der Godard erzählte mal eine Geschichte. Da hat ein Produzent noch 500.000 Franc, die er bis zum 31.12. verballern muss, wegen Steuer oder so, und es ist Ende November, und er bietet die 500.000 dem Godard, wenn er dafür innerhalb von vier Wochen einen Film macht, und da geht Godard zum Bahnhofskiosk und nimmt sich einen Kriminalroman und reißt den Umschlag ab und legt es dem Produzenten vor. »Da ist das Drehbuch!« Das würde mir gefallen. Ich mochte immer die Filme, deren Produktionsverhältnisse voller Einschränkungen waren. 86 Minuten. Liebe. Verrat. 750.000 Dollar. Robert Ryan kann nur vom 16.2. bis 19.2. und dann Anfang März noch einmal. Alles haben zu können. Eine Welt errichten. Da kommt immer Dr. No und Albert Speer oder Real Madrid bei raus. Lieber im Handel mit den Verhältnissen bleiben. Der Film von Godard hieß dann M.A.D.E. in USA. Glaube ich. Den Final Cut hat er behalten. Und darauf kommt’s an.

Christian Petzold lebt in Berlin. Sein neuer Film »Gespenster« läuft im Wettbewerb der Berlinale

Oskar Röhler

"Welche Geschichte würden Sie erzählen, welche Bilder würden Sie drehen, wenn Sie unbegrenzte Mittel hätten und jeden Schauspieler der Welt besetzen könnten?" Neun deutsche Regisseure fantasieren über den Film, den sie immer schon mal machen wollten Eine Horrorvorstellung. Alles haben zu können. Besonders Freiheit. Der Godard erzählte mal eine Geschichte. Da hat ein Produzent noch 500000 Franc, die er bis zum 31.12. verballern muss, wegen Steuer oder so, und es ist Ende November, und er bietet die 500000 dem Godard, wenn er dafür innerhalb von vier Wochen einen Film macht, und da geht Godard zum Bahnhofskiosk und nimmt sich einen Kriminalroman und reißt den Umschlag ab und legt es dem Produzenten vor. »Da ist das Drehbuch!« Das würde mir gefallen. Ich mochte immer die Filme, deren Produktionsverhältnisse voller Einschränkungen waren. 86 Minuten. Liebe. Verrat. 750000 Dollar. Robert Ryan kann nur vom 16.2. bis 19.2. und dann Anfang März noch einmal. Alles haben zu können. Eine Welt errichten. Da kommt immer Dr. No und Albert Speer oder Real Madrid bei raus. Lieber im Handel mit den Verhältnissen bleiben. Der Film von Godard hieß dann M.A.D.E. in USA. Glaube ich. Den Final Cut hat er behalten. Und darauf kommt’s an.

Oskar Roehler lebt in Berlin. Sein letzter Film war »Agnes und seine Brüder«

Fatih Akin

Es gibt da einen tollen Roman über die Bar- und Clubszene in New York vom Ende der Sechziger bis zum Anfang der Achtziger. Dieses Buch von Heywood Gould ist eine Mischung aus Bukowski, Burroughs und Celines Reise ans Ende der Nacht. Leider wurde es mit Tom Cruise in der Hauptrolle als beschissene C-Movie-Scheiße namens Cocktail verfilmt. Der Tom Cruise der Endachtziger kann einfach keinen kaputten vierzigjährigen Säufer spielen. Ich würde Sean Penn die Rolle geben und Michael Caine oder Robert Redford als seinen älteren Mentor besetzen. Man könnte die Geschichte auch nach Berlin transportieren. Die Szenen, die auf Jamaika spielen, würde man dann nach Ibiza verlagern. Es geht um Kneipen, Kellnerinnen, Alkohol, Schlägereien, Psychopathen, Drogen, Drogen, Drogen – eine Welt, die mir sehr nahe ist. Außerdem würde ich gerne das Leben des Atatürk verfilmen, vielleicht mit Robert Duvall in der Hauptrolle. Man sollte das Projekt wohl auf Türkisch und mit türkischen Schauspielern drehen. Aber die Türkei ist noch nicht reif dafür, so was geht vielleicht in 20 Jahren, und dann ist Duvall sowieso zu alt.

Fatih Akin lebt in Hamburg. Sein letzter Spielfilm war »Gegen die Wand«

Wim Wenders

Welchen Film ich drehen würde, wenn Geld keine Rolle spielte und ich mit jedem Schauspieler der Welt drehen könnte? Eine Albtraumfrage! Sie impliziert das Gegenteil von dem, was sie suggeriert, nämlich die große Freiheit. Welcher Film wäre das, um den ich nicht kämpfen müsste?! Welche Bilder würde ich drehen wollen, für deren Realisierung Zeit keine Rolle mehr spielen würde?! Welche Geschichte würde ich erzählen wollen, für die ich keinen Produzenten überzeugen müsste?! Welche Schauspieler würde ich zu begeistern haben, wenn sie mir ohnehin zu Füßen lägen?! Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich, dass ich das Angebot ablehnen müsste. Die Projekte, bei denen allem Anschein nach eine unbegrenzte Freiheit der Mittel vorhanden war, sind samt und sonders in die Hosen gegangen. Dabei habe ich einmal tatsächlich einen Film unter solchen Bedingungen gemacht. Nur wusste ich es nicht, Gott sei Dank. Das war vor über 30 Jahren, als ich Alice in den Städten gedreht habe. Wir hatten das lächerliche Budget von 400000 D-Mark oder so, aber mir erschien es wie ein kolossaler Reichtum. Ich durfte mit meinem kleinen Team nach Amerika reisen, dort drehen und im Ruhrgebiet und schließlich im Zug nach München den Film zu Ende bringen. Ich hatte mit Rüdiger Vogler und Yella Rottländer meine Traumbesetzung. Es fehlte an nichts. Wenn überhaupt, dann hätte ich mir nur gewünscht, dass wir statt der 16-mm-Kamera eine 35er hätten benützen können. Kurz, es war paradiesisch. Aber im Paradies darf jeder nur einmal drehen. Sobald er diese Erfahrung gemacht hat, wird er (oder sie) daraus vertrieben. Und dann helfen auch keine noch so paradiesischen Versprechungen mehr…

Wim Wenders lebt in Berlin und Los Angeles. Sein letzter Film war »Land of Plenty«

Doris Dörrie

Ich mache immer nur die Filme, die ich wirklich machen will, mit der Besetzung, die ich für ideal halte, und in dem finanziellen Rahmen, den die jeweilige Geschichte braucht. Das mag dann zwar lange dauern, bis der Film zustande kommt, aber durch vielleicht pathologische Sturheit habe ich es bisher immer irgendwie geschafft. Allerdings habe ich das Glück, weder für Actionfilme noch für Historienschinken oder Science-Fiction zu schwärmen.

Doris Dörrie lebt in München. Ihr letzter Spielfilm war »Ein seltsames Paar«

Andreas Dresen

Das Drehen von Filmen ist nicht eine Frage des großen Geldes, unbegrenzter Möglichkeiten und berühmter Schauspieler. Es ist eine Frage von Leidenschaft und Fantasie. Oft ist Innovatives, Besonderes gerade aus der Begrenzung entstanden. Meine Träume hängen nicht an riesigen Budgets, und ich arbeite auch gerne mit weniger bekannten Schauspielern. Die Schwierigkeit ist vielmehr, immer wieder über den eigenen Schatten zu springen, aus der Vielzahl möglicher Geschichten diejenige herauszufinden, die jetzt und von mir auf möglichst neue Art erzählt werden muss. Und das größte Hindernis beim Finden dieser Geschichten bin ich selbst. Man läuft Gefahr, der Angst vor dem Unbekannten zu erliegen und sichere Routine dem Abenteuer vorzuziehen. Also gilt es, eine Geschichte zu finden, die im Kleinen das Große spiegelt, zum Lachen, zum Weinen, zum Staunen. Auch irrational darf sie gerne sein, meinen Horizont muss sie sprengen, mich zwingen, auf alle Sicherheiten zu pfeifen und mein Haus zu verlassen. Vielleicht also deutsche Geschäftsleute in Bagdad als seltsame Aufbauhelfer. Oder eine Komödie im Vorstand der Deutschen Bank beziehungsweise eines großen Konzerns. Oder den Film, der die DDR ohne Denunziation und mit ernsthafter Komik beschreibt, als traurigen Untergang einer schönen Illusion. Che Guevara wäre in diesem Kontext auch interessant – als große, bittere Geschichte eines Mannes und seiner Idee von der Welt. Aber das drehen wohl schon die Amerikaner, fragt sich bloß, wie… Egal! Jeder Film ist ein neuer Anlauf. Oder, um es mit Beckett zu sagen: Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern!

Andreas Dresen lebt in Potsdam. Sein neuer Film »Willenbrock« läuft in der Berlinale-Sektion Panorama

Hans Weingartner

Vielleicht sollte ich wieder anfangen, mehr zu träumen. Man kriegt nun mal nicht 50Millionen Euro und einer sagt: »Mach’ mal!« Man kriegt nicht mal eine Million. Aber ich würde unglaublich gerne einmal einen Surf-Film drehen. Einen Windsurf- und Wellenreiter-Film. Man würde nur Wellen sehen und Typen, die ständig auf und ab surfen. Ohne Handlung. Mit unendlich viel Geld würde ich einen Film machen, in dem sich eine Gruppe von Leuten in Deutschland zusammentut, um die Revolution zu starten. Sie stürzen die Regierung, und die gesamte Bevölkerung schließt sich dieser Revolution an. Autobahnen werden aufgebohrt, Bäume gepflanzt, die Leute machen Blumentöpfe aus ihren Autos. Es gibt keine Kleinfamilien mehr, sondern nur noch Menschen, die in Gruppen zusammenleben. Alle Hierarchien werden abgeschafft, der Tauschhandel wird wieder eingeführt. Der Film könnte »Paradise: Found« heißen. Das Ganze wird von Außerirdischen initiiert, die sich seit Jahrhunderten ansehen, was die Menschen treiben und es einfach nicht mehr mit ansehen können.

Hans Weingartner lebt in Berlin. Sein letzter Film war »Die fetten Jahre sind vorbei«

Dominik Graf

Ich würde den großen Roman Die Handschrift von Saragossa von Jan Potocki neu verfilmen wollen. Darin wird erzählt, wie ein junger belgischer Hauptmann im Spanien der napoleonischen Kriege in den Bergen der Sierra Morena auf seine verschollenen islamischen Vorfahren aus dem Mittelalter stößt. Mit denen zieht er dann 66 Tage lang in einer Irrfahrt durch die Höhlen und über die Felsen dieser Steinwüste am Rande Andalusiens. In Wirklichkeit ist es aber eine Irrfahrt durch zahlreiche tragische bis absurde Schicksale, die ihnen unterwegs begegnen und die sich vom antiken Ägypten über das maurische Spanien, die Reconquista und Südamerika bis ins 19. Jahrhundert erstrecken.
Die ineinander verschachtelten Episoden des Romans sind derb, gespenstisch, sehr komisch, mörderisch, liebesdramatisch etc. pp. Ziel des Ganzen war, ein Ideal in der Versöhnung der Religionen vor Augen zu führen, des maurischen Islams mit dem intellektuellen Christentum und dem Judentum, wie es eben in Córdoba während des Hochmittelalters entstanden war.
Potocki wollte Anfang des 19. Jahrhunderts ein Zeichen der verblassenden Aufklärung gegen die aufkommende Mystik der Romantik setzen. Aber vor allem wollte er seine todkranke Frau mit diesen Geschichten unterhalten. Der Roman ist eine Art europäische Variante von 1001 Nacht.
Ich würde vor allem deutsche Schauspieler besetzen wollen, keine internationalen Stars. Denn ich liebe deutsche Schauspieler immer mehr. Der Film wäre ungefähr so lang wie der Director’s Cut der drei Teile vom Herrn der Ringe.

Dominik Graf lebt in München. Sein letzter Spielfilm war »Kalter Frühling«

Romuald Karmakar

Viel Geld würde ich für viele Filme verwenden. Zum Beispiel für die Verfilmung von Jan Philipp Reemtsmas Im Keller oder einen Film in Argentinien (nach einer Geschichte von Juan Carlos Onetti mit Robert Duvall in der Hauptrolle). Dann gäbe es einen Film über den Biafra-Krieg, an dem sich einerseits der Kalte Krieg und andererseits der deutsch-deutsche Konflikt exemplarisch erzählen ließe. Dann unbedingt: einen Film über Kraftwerk und eine Langzeitbeobachtung (in 35 Millimetern) eines neuen Projekts von Michael Schmidt, einem der wichtigsten lebenden deutschen Fotografen. Eine Komödie wäre auch dabei: zum Beispiel über die gouvernementalen und öffentlichen Legitimationsstrategien führender waffenexportierender Länder Europas. Mit Chloë Sevigny würde ich auch noch einen Film drehen, wenn Joan Allen ihre Mutter spielt.

Romuald Karmakar lebt in Berlin. Sein letzter Spielfilm »Die Nacht singt ihre Lieder« lief im vergangenen Jahr im Berlinale-Wettbewerb

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  • Von Petzold
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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  • Schlagworte Film | Kino | | | Berlinale
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