Klimadebatte Das ungeliebte Weder-noch
Was die Klimadebatte so schwierig macht: Medien wollen von den Wissenschaftlern vor allem Sensationen und Katastrophenwarnungen hören
In den vergangenen Wochen war wieder viel vom Klimawandel zu lesen - und wie so oft viel Widersprüchliches. Klimakrise naht in 10 Jahren betitelte BBC Online den Bericht einer politisch hochrangig besetzten internationalen Kommission. Eine in der Fachzeitschrift Nature erschienene Studie führte zu Schlagzeilen wie: Die Erwärmung könne global bis zu elf Grad erreichen. Auf der vom britischen Premierminister Tony Blair einberufenen Klimakonferenz in Exeter wurde von überraschend schnellem Abschmelzen des westantarktischen Eises berichtet.
Ein zunächst in den Niederlanden erschienener Artikel hielt dagegen, der »Beweis der globalen Erwärmung« beruhe auf fehlerhafter Statistik. Und der Meteorologe Hans von Storch und der Sozialwissenschaftler Nico Stehr warfen den Forschern in einem Essay vor, sie würden absichtlich die Risiken des Klimawandels übertreiben, um damit mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erreichen. Zeitgleich präsentierte Bestsellerautor Michael Crichton seinen Roman Welt in Angst , in dem dieser Vorwurf in grotesker Weise auf die Spitze getrieben wird: Umweltfanatiker wollen kurzerhand die ausbleibende Klimakatastrophe durch Sprengung des westantarktischen Eises selbst herbeiführen. Wird der Klimawandel viel dramatischer als bislang gedacht? Oder ist alles nur »inszenierte Angst«, wie Crichton sagt? Ich meine: weder - noch.
Dass Storch/Stehr gerade im Spiegel beklagen, Wissenschaftler würden den Klimawandel »geschickt dramatisieren«, entbehrt für mich nicht einer gewissen Ironie. Es erinnerte mich an mein erstes (und einziges) kleines Interview mit dem Magazin. Dort antwortete ich auf die Frage: »Droht Europa eine neue Eiszeit?« mit: »Sicher nicht ...« So sah auch die mir zum Gegenlesen gefaxte Fassung aus. In der gedruckten Version fehlten dann die Worte »Sicher nicht«. Eine Zeilenersparnis war damit nicht verbunden - es ging offenbar lediglich darum, eine entwarnende Aussage zu streichen. So wie viele Kollegen habe auch ich etliche Kämpfe mit Zeitungsredaktionen gegen deren Hang zur Dramatisierung ausgefochten. Manchmal gelingt es, eine Richtigstellung zu bewirken oder einen Leserbrief zu platzieren; öfters erreicht man gar nichts und kann nur auf der eigenen Internet-Seite etwas klarstellen. Ich habe dort seit vielen Jahren eine Liste klassischer »Medienirrtümer« zu meinem Fachgebiet, die ich jedem Journalisten vor einem Interview zur Pflichtlektüre gebe. Damit kann man Übertreibungen wie »Der Golfstrom reißt ab« zwar nicht immer verhindern; zumindest aber weiß ich dann, dass die Zeile kein Missverständnis, sondern Absicht war. Solche Journalisten kommen auf meine schwarze Liste.
Ich habe auch schon erlebt, dass ein Kamerateam eines Privatsenders nach einem Wintersturm im Institut auftauchte, weil es hören wollte, dieser Sturm sei Folge des Klimawandels. Man stellte mir immer wieder in anderen Wendungen diese Frage, um endlich die gewünschte Antwort zu bekommen. Da ich es beharrlich nicht gesagt habe, wurde das Interview nicht gesendet. Andererseits rief einmal nach der Elbeflut ein Mitarbeiter einer bekannten Polit-Talkshow bei uns an: Man suche dringend einen Klimaforscher, der den Einfluss des Menschen auf das Klima bestreite, könne aber keinen finden - ob wir da nicht einen Tipp geben könnten? Tatsächlich traten dann neben einigen Politikern in der Sendung zwei Klimaforscher auf, die sich ständig widersprachen - unterhaltsames Fernsehen, aber keine sehr realistische Darstellung des Sachstandes.
Im Kollegenkreis sprechen wir häufig und kritisch darüber, welche Aussagen sachlich gerechtfertigt und belastbar sind und weder dramatisieren noch verharmlosen - denn beides wäre gleichermaßen unverantwortlich. Hier kann es natürlich Unterschiede in der Einschätzung geben. Aber noch nie habe ich einen Wissenschaftler getroffen, der die Meinung vertrat, man könne ruhig etwas übertreiben, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. So hätte man schnell an Glaubwürdigkeit verloren - und die ist das wertvollste Kapital eines jeden Wissenschaftlers.
Öffentliche ußerungen sind stets eine Gratwanderung: Die Medien vereinfachen, reißen Sätze aus dem Kontext, drängen in Richtung der Extreme (dann hat eine Meldung mehr Nachrichtenwert), und sie lieben Konflikte - den berühmten »Forscherstreit«. Entweder soll die »Klimakatastrophe« (ich kenne keinen Wissenschaftler, der dieses Wort verwendet) nun noch viel schlimmer kommen als bislang gedacht, oder aber der Mensch hat nun doch keine Schuld am Klimawandel. Mit der realen Diskussion in der Wissenschaft haben beide Extreme sehr wenig zu tun.
Auch Storch/Stehr bedienen letztlich den Hunger der Medien nach markigen Thesen, etwa wenn sie unter Klimaforschern eine neue »Ära McCarthy« heraufziehen sehen, in der Dissens unterdrückt werde. Die Autoren schreiben weiter: »Insofern werden wir erleben, wie die Propheten des Untergangs die Klimagefahren in noch grelleren Bildern zeichnen. Man kann die zukünftigen Schreckbilder schon ahnen: das Abbrechen des westantarktischen Schelfeises, was den Wasserstand noch viel stärker steigen lassen wird ...«
Genau vor diesem Risiko hat der Leiter des British Antarctic Survey, Chris Rapley, letzte Woche auf der Klimakonferenz in Exeter gewarnt (wobei übrigens das schwimmende Schelfeis nicht zu einem Meeresspiegelanstieg führt; der tritt erst ein, wenn Kontinentaleis schmilzt). Auch mein amerikanischer Kollege Richard Alley hat in mehreren aktuellen Aufsätzen darauf hingewiesen, dass sowohl Teile von Grönland als auch Teile der Antarktis derzeit dynamische Reaktionen zeigen, die auf ein Risiko schnelleren Abschmelzens hindeuten. Alley kennt als Leiter von Eisbohrprojekten beide Eismassen wie kaum ein Zweiter. Ich kenne Richard Alley sehr gut und rede häufig mit ihm. Er drängt nicht mit Dramatisierung ins Rampenlicht. Wenn er eine Warnung ausspricht, nehme ich das sehr ernst. Zumindest sollte man über die Risiken des Klimawandels sachlich sprechen können, ohne gleich als »Prophet des Untergangs« denunziert zu werden. Dies erinnert an das Schicksal von Smith Tumsaroch, der als Leiter des thailändischen Meteorologischen Dienstes vor sieben Jahren vor dem Tsunami-Risiko warnte und ein Frühwarnsystem für die Provinzen Phuket, Phang Nga und Krabi forderte. Er wurde daraufhin für verrückt erklärt und auf einen unwichtigen Posten versetzt; erst jetzt wurde er rehabilitiert.
Müssen wir eine »Erwärmung bis zu 11 Grad« befürchten? Bei der zitierten Studie hatten britische Kollegen Tausende von Varianten eines Klimamodells erstellt, indem sie unsichere Modellparameter variiert und in allen Kombinationen durchgespielt haben. Mit all diesen Modellen wurde die Reaktion auf eine Verdoppelung der Kohlendioxidkonzentration berechnet, die so genannte Klimasensitivität. Ein gigantischer Rechenaufwand, der mit Hilfe unzähliger Freiwilliger auf Heimcomputern bewältigt wurde. Das wichtigste Ergebnis war wenig spektakulär: In den allermeisten Modellen erwärmte sich das Klima um zwei bis vier Grad und lag damit innerhalb der weithin akzeptierten Spanne. Nur einige wenige der Modellvarianten waren Ausreißer mit einer viel stärkeren Erwärmung, eben bis zu elf Grad.
Es bedeutet aber nicht, dass diese Modelle realistisch sind; um dies festzustellen, muss man Klimamodelle einer Reihe von kritischen Tests unterziehen. In einer ähnlichen, aufwändigen Studie, die wir im vergangenen Sommer bei einem IPCC-Workshop in Paris vorgestellt haben, zeigen wir, dass sich Modellvarianten mit einer hohen Klimasensitivität (über etwa vier Grad) kaum mit Daten aus der letzen Eiszeit in Einklang bringen lassen. Auch andere Daten von vergangenen Klimaänderungen sprechen gegen eine so hohe Klimasensitivität. Kein Grund also für Schlagzeilen über elf Grad Erwärmung. In diesem Fall kann man übrigens den britischen Kollegen durchaus unvorsichtige Aussagen vorwerfen, die absehbar zu solchen Schlagzeilen führen mussten.
Die Bewertung neuer Ergebnisse und Diskussionen zum Klima ist für Journalisten und die Öffentlichkeit oft schwierig. Um eine rasche und direkte Einschätzung von Fachwissenschaftlern zu bieten und auch um dem Hang der Medien zum Extremen entgegenzutreten, hat eine Gruppe von amerikanischen und europäischen Kollegen gemeinsam die Internet-Seite www.realclimate.org gegründet, wo sich etwa ein ausführlicherer Kommentar zu der britischen Studie und zu anderen aktuellen Klimathemen nachlesen lässt.
Nächste Woche tritt das Kyoto-Protokoll in Kraft, der erste kleine Schritt zu einem internationalen Klimaschutz. Die Diskussion über effektive Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels hat damit erst begonnen.
Stefan Rahmstorf arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und Mitglied im Panel on Abrupt Climate Change
- Datum 10.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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