Klimadebatte Das ungeliebte Weder-nochSeite 2/2
Genau vor diesem Risiko hat der Leiter des British Antarctic Survey, Chris Rapley, letzte Woche auf der Klimakonferenz in Exeter gewarnt (wobei übrigens das schwimmende Schelfeis nicht zu einem Meeresspiegelanstieg führt; der tritt erst ein, wenn Kontinentaleis schmilzt). Auch mein amerikanischer Kollege Richard Alley hat in mehreren aktuellen Aufsätzen darauf hingewiesen, dass sowohl Teile von Grönland als auch Teile der Antarktis derzeit dynamische Reaktionen zeigen, die auf ein Risiko schnelleren Abschmelzens hindeuten. Alley kennt als Leiter von Eisbohrprojekten beide Eismassen wie kaum ein Zweiter. Ich kenne Richard Alley sehr gut und rede häufig mit ihm. Er drängt nicht mit Dramatisierung ins Rampenlicht. Wenn er eine Warnung ausspricht, nehme ich das sehr ernst. Zumindest sollte man über die Risiken des Klimawandels sachlich sprechen können, ohne gleich als »Prophet des Untergangs« denunziert zu werden. Dies erinnert an das Schicksal von Smith Tumsaroch, der als Leiter des thailändischen Meteorologischen Dienstes vor sieben Jahren vor dem Tsunami-Risiko warnte und ein Frühwarnsystem für die Provinzen Phuket, Phang Nga und Krabi forderte. Er wurde daraufhin für verrückt erklärt und auf einen unwichtigen Posten versetzt; erst jetzt wurde er rehabilitiert.
Müssen wir eine »Erwärmung bis zu 11 Grad« befürchten? Bei der zitierten Studie hatten britische Kollegen Tausende von Varianten eines Klimamodells erstellt, indem sie unsichere Modellparameter variiert und in allen Kombinationen durchgespielt haben. Mit all diesen Modellen wurde die Reaktion auf eine Verdoppelung der Kohlendioxidkonzentration berechnet, die so genannte Klimasensitivität. Ein gigantischer Rechenaufwand, der mit Hilfe unzähliger Freiwilliger auf Heimcomputern bewältigt wurde. Das wichtigste Ergebnis war wenig spektakulär: In den allermeisten Modellen erwärmte sich das Klima um zwei bis vier Grad und lag damit innerhalb der weithin akzeptierten Spanne. Nur einige wenige der Modellvarianten waren Ausreißer mit einer viel stärkeren Erwärmung, eben bis zu elf Grad.
Es bedeutet aber nicht, dass diese Modelle realistisch sind; um dies festzustellen, muss man Klimamodelle einer Reihe von kritischen Tests unterziehen. In einer ähnlichen, aufwändigen Studie, die wir im vergangenen Sommer bei einem IPCC-Workshop in Paris vorgestellt haben, zeigen wir, dass sich Modellvarianten mit einer hohen Klimasensitivität (über etwa vier Grad) kaum mit Daten aus der letzen Eiszeit in Einklang bringen lassen. Auch andere Daten von vergangenen Klimaänderungen sprechen gegen eine so hohe Klimasensitivität. Kein Grund also für Schlagzeilen über elf Grad Erwärmung. In diesem Fall kann man übrigens den britischen Kollegen durchaus unvorsichtige Aussagen vorwerfen, die absehbar zu solchen Schlagzeilen führen mussten.
Die Bewertung neuer Ergebnisse und Diskussionen zum Klima ist für Journalisten und die Öffentlichkeit oft schwierig. Um eine rasche und direkte Einschätzung von Fachwissenschaftlern zu bieten und auch um dem Hang der Medien zum Extremen entgegenzutreten, hat eine Gruppe von amerikanischen und europäischen Kollegen gemeinsam die Internet-Seite www.realclimate.org gegründet, wo sich etwa ein ausführlicherer Kommentar zu der britischen Studie und zu anderen aktuellen Klimathemen nachlesen lässt.
Nächste Woche tritt das Kyoto-Protokoll in Kraft, der erste kleine Schritt zu einem internationalen Klimaschutz. Die Diskussion über effektive Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels hat damit erst begonnen.
Stefan Rahmstorf arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und Mitglied im Panel on Abrupt Climate Change
- Datum 10.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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