Sind wir nur die Marionetten unserer Neuronen? In den Feuilletons tobt die Auseinandersetzung darüber, ob unser Wohl und Wehe einzig von Nervenzellen und ihren Verbindungen (Synapsen) bestimmt wird. Bunte Bilder aus dem Kernspintomografen suggerieren, man müsse nur scharf genug ins menschliche Hirn hineinblicken, um zu wissen, was sein jeweiliger Besitzer denkt, wen er liebt und wonach ihn heimlich gelüstet. Die skurrilsten Auswüchse dieses Glaubens liefern Mediziner, die post mortem die Gehirne von Albert Einstein oder Ulrike Meinhof sezieren und aus der grauen Masse herauslesen wollen, warum der eine zum Genie, die andere zur Terroristin wurde.

Nicht nur die Argumente, auch der Verlauf der Diskussion erinnert dabei an die erbitterte nature/ nurture-Debatte, die jahrelang um den Einfluss des Erbguts auf das menschliche Leben geführt wurde. Damals wurde darum gestritten, ob der Mensch nur "die Marionette seiner Gene" sei. Heute geht es um die Frage, ob dem Menschen angesichts der Ergebnisse der Hirnforschung noch ein freier Wille zugeschrieben werden dürfe.

Dabei zeigen gerade die Ergebnisse der Neurowissenschaften, dass die Neuronen einen Menschen genauso wenig determinieren, wie es seine Gene tun. Die Gensequenz eines Menschen mag unveränderlich sein, doch die Aktivität der Gene wird fortlaufend durch von außen kommende Signale gesteuert. Auch das Denkorgan ist von diesem Wechselspiel abhängig: Umwelt und Erfahrung entscheiden darüber, welche Nervenzellen wachsen oder verkümmern, welche Nervenverbindungen angeregt werden und wie die Architektur unseres Gehirns beschaffen ist, die am Ende so einzigartig ist wie unser Fingerabdruck.

Wer nur Viervierteltakt hört, verlernt das Klopfen komplexer Rhythmen

Die (selbst)kritischeren Hirnforscher haben längst gemerkt, dass sie mit allzu starrem Blick auf Strukturen und Moleküle leicht Wesentliches übersehen. Von einem notwendigen "Perspektivenwechsel" spricht der führende deutsche Hirnforscher, Wolf Singer, der im neu gegründeten Frankfurt Institute for Advanced Studies den Geheimnissen des Gehirns mit interdisziplinärer Systemforschung näher kommen will. Denselben Weg, wenn auch aus einer anderen Richtung kommend, schlagen der Altersforscher Paul B. Baltes und der Neuropsychologe Frank Rösler ein. Sie sind überzeugt, dass sich Biologie und Kultur nicht nur beeinflussen, sondern sogar gegenseitig erst erschaffen. Ergo muss, wer das Denkorgan verstehen will, auch dessen soziales Umfeld betrachten. "Das Gehirn selbst ist eine Konstruktion von biologischer Prädisposition und kultureller Wirklichkeit", lautet ihre Prämisse, die sie in den sperrigen Begriff des "biokulturellen Ko-Konstruktivismus" gekleidet haben.

Das Konzept ist selbst das Ergebnis einer Ko-Konstruktion. Beim freundschaftlichen Streit auf einer Tagung entstand die Idee. "Ich will das Verhalten eines Menschen verstehen", sagte Baltes, langjähriger Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Der Biopsychologe Rösler von der Universität Marburg hielt dagegen: "Ich will das Gehirn verstehen." Je länger sie redeten, umso mehr wurde ihnen klar, dass das eine nicht ohne das andere zu haben wäre. Nun arbeiten sie gemeinsam an einem Buch, in dem sie die These vom Ko-Konstruktivismus mit zahlreichen Forschungsergebnissen untermauern.

Am besten lässt sich Baltes’ und Röslers Überzeugung, "dass sich die Kultur im Gehirn real und konkret wiederfindet", bisher anhand der Musik belegen. So zeigt etwa eine soeben veröffentlichte Studie der Cornell University, wie sehr das Rhythmusgefühl kulturell geprägt ist. Osteuropäer können komplexe Rhythmen besser aufnehmen und reproduzieren als Nordamerikaner, die oft mit allem überfordert sind, was über einen Viervierteltakt hinausgeht. Als der Psychologe Erin E. Hannon jedoch das Rhythmusgefühl sieben Monate alter Kinder verglich, zeigten sich keine Unterschiede zwischen Amerikanern und Europäern. Daraus schließt Hannon, dass die Entwicklung der rhythmischen Wahrnehmung von der Hörkultur abhängt. Platt ausgedrückt: Wer nur Marschmusik hört, versteht auch nur Marschmusik – und kann daher nur Marschmusik produzieren.

Dass intensives Musizieren tatsächlich zu neurobiologischen Veränderungen führt, zeigen mittlerweile mehrere Dutzend Forschungsarbeiten. Das Hörzentrum von Profimusikern reagiert sensibler auf minimalste Tonhöhenschwankungen und Akkord-Unreinheiten – ohne dass dies bewusst wahrgenommen wird. Bei Pianisten, die in schwierigen Stücken (etwa in den Paganini-Etüden von Franz Liszt) bis zu 1800 Noten pro Minute koordinieren müssen, vergrößert sich jener Teil der Großhirnrinde, der den Tastsinn der Finger repräsentiert. Auch bei Streichern ist dieser "somatosensorische Cortex" stärker ausgeprägt – allerdings nur für die linke, die Greifhand. Die Rechte, die den Bogen führt, ist im Hirn von Profimusikern und Amateuren gleich abgebildet.