die zeit: Sie untersuchen, wie extremer Stress zu Veränderungen im Gehirn führt. Wie lässt sich das erforschen?

Thomas Elbert: Hier in Deutschland arbeiten wir mit Folteropfern, die im Rahmen von Asylverfahren zu uns kamen. Wir führen aber auch Studien direkt in Krisengebieten durch, in Uganda oder in Sri Lanka nach dem Tsunami – überall dort, wo viele Menschen traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt sind.

zeit: Wie wirken sich Traumata im Gehirn aus?

Elbert: Aus Tierexperimenten wissen wir, dass in Stresssituationen entsprechende Hormone – vor allem Cortisol – aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet werden. Kurzzeitig und dosiert sind diese Stresshormone hilfreich, sie versetzen den Organismus in einen Alarmzustand, der etwa ein schnelles Davonlaufen ermöglicht. In der folgenden Zeit jedoch wirken diese Hormone im Gehirn zytotoxisch. Im Hippocampus werden die Nervenzellen zunächst in ihrer Verästelung reduziert und sterben dann ab. Auch beim Menschen gibt es Hinweise darauf, dass so genannte posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen. Untersuchungen mit Vietnam-Veteranen haben ergeben, dass diejenigen mit PTSD im Schnitt einen verkleinerten Hippocampus haben. Ähnliche Ergebnisse finden sich bei durch Kindsmissbrauch traumatisierten Opfern.

zeit: Welche Folgen hat das?

Elbert: Der Hippocampus ist zuständig für räumliche und zeitliche Orientierung – wenn sie so wollen für die Journalistenfragen: Was ist wo wann passiert? Wenn er gestört ist, kann man diesen Kontext und damit das autobiografische Gedächtnis nicht mehr richtig bilden. Das kann dazu führen, dass traumatisierte Personen sich plötzlich in der Zeit zurückversetzt fühlen. Sie glauben, erneut in der Folterkammer oder mitten in einer Bürgerkriegssituation zu sein.

zeit: Welche Symptome zeigen Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung noch?

Elbert: Neben dem wiederholten unfreiwilligen Durchleben der traumatisierenden Situation in so genannten Flashbacks oder in Albträumen versuchen sie alles zu vermeiden, was sie daran erinnert – bei Tsunami-Traumatisierten kann das so weit gehen, dass sie sich nicht mehr waschen und kein Wasser trinken wollen. Und sie zeigen eine übertrieben gesteigerte Schreckhaftigkeit bei nichtigen Anlässen.

zeit: Wie lassen sich solche Symptome hirnphysiologisch erklären?

Elbert: Daran ist das Furchtzentrum im Kopf, die Amygdala, beteiligt. Aus Tierexperimenten wissen wir, dass sie nach traumatischen Erlebnissen sehr viel komplexer verschaltet wird. Wenn man Ratten einen großen Schreck einjagt, sie quasi foltert, bilden sich mehr Verästelungen in den Zellen der Amygdala aus. In dieser Struktur im Gehirn sind genetische oder evolutionär programmierte Angstreize codiert – die uns etwa beim Anblick einer Schlange automatisch zurückschrecken lassen, noch bevor uns das bewusst wird.

zeit: Zusammenfassend könnte man sagen: Das Furchtzentrum wird überaktiviert, während die ordnende Kraft des Hippocampus abnimmt?

Elbert: Ja. Das führt dazu, dass der Patient keinen bewussten Zugang mehr zu den Erlebnissen hat, die seinen Angstzustand verursachen. Er hat sozusagen Angst, ohne zu wissen, warum.

zeit: Wie groß sind diese physiologischen Veränderungen?

Elbert: Die Veränderungen in der Gehirnstruktur variieren – je nach Individuum – zwischen 10 und 30 Prozent.

zeit: Lässt sich dabei ein typisches Traumatisierungsschema ableiten – oder reagiert jeder Mensch anders auf solche Erlebnisse?

Elbert: Natürlich gibt es große individuelle Unterschiede. Die einen halten mehr aus, andere brechen schneller zusammen. Aber es zeigt sich doch ein generelles Muster: Die Traumatisierungsrate steigt sukzessive mit der Zahl der schrecklichen Ereignisse, die ein Mensch verarbeiten muss. Irgendwann bekommen Sie jeden gebrochen.

zeit: Was führt zu solchen Schlüssen?

Elbert: Im Südsudan haben wir mehr als 3000 Menschen untersucht. Manche von ihnen haben 25 bis 30 traumatisierende Erlebnisse hinter sich, furchtbare Geschichten. Sie waren Zeuge von Massakern, mussten mitansehen, wie die Frau vergewaltigt, die Tochter in Stücke geschnitten wurde und so weiter. Von diesen Menschen weisen alle eine PTSD auf. In der Gruppe derjenigen, die nur ein bis drei solcher Traumaerlebnisse verarbeiten müssen, liegt die PTSD-Rate dagegen bei unter 20 Prozent.

zeit: Kennt man weitere Hirnveränderungen nach traumatischen Erlebnissen?

Elbert: Folteropfer zeigen häufig dissoziative Symptome: Sie versuchen der Schocksituation sozusagen innerlich zu entfliehen und spalten daher bestimmte Erinnerungen oder Gefühle gleichsam ab. Wir meinen, anhand von Studien mit der Magnetenzephalografie und Magnetresonanztomografie zeigen zu können, dass es bei solchen Patienten zu einer signifikanten Veränderung der Gehirnaktivität kommt: Sie haben häufig abnormal langsame Gehirnwellen vor allem im linken Stirnhirn.

zeit: Was sagen solche Ergebnisse über die Therapierbarkeit von traumatischen Störungen aus?

Elbert: Das ist zurzeit eine heftig debattierte Frage, die man nicht abschließend beantworten kann. Derzeit können wir aber Folgendes sagen: Traumatische Erlebnisse werden richtiggehend in der Gehirnarchitektur gespeichert. Da bildet sich eine Furchtstruktur aus, in die alle künftig erlebten Ängste und Erlebnisse eingepasst werden und die sich dadurch verstärkt. Das zeigen zum Beispiel unsere Befunde aus Sri Lanka: Im Süden des Landes sind nur etwa 15 Prozent der Kinder traumatisiert. Im Norden dagegen, wo seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt, weisen bis zu 50 Prozent der Kinder eine PTSD auf. Die Traumatisierung durch den Tsunami wird mit den früheren Kriegserlebnissen verschmolzen. Die Kinder unterscheiden das nicht mehr, sondern bauen all diese Ereignisse gewissermaßen in dieselbe Furchtstruktur im Gehirn ein.

zeit: Man kann sich leicht vorstellen, wie dies das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflusst. Gibt es irgendeine Hoffnung auf Heilung?

Elbert: Manche meinen, man könne diese Traumatisierungsstruktur im Gehirn nie wieder auflösen, allenfalls hemmen. Ich bin optimistischer. Vielleicht kann man die neuronalen Verbindungen doch wieder reparieren. Ob das mithilfe von Psychotherapie oder Medikamenten möglich ist, wollen wir als Nächstes untersuchen.

Thomas Elbert ist Professor für Klinische Psychologie und Verhaltensneurologie an der Universität Konstanz. Zudem leitet er die Organisation Victim’s Voice, die traumatisierten Opfern von Krieg, Terror und Misshandlungen therapeutisch zu helfen versucht

Das Gespräch führte Ulrich Schnabel