Lessings Ringparabel, updated: Ein Serbe, ein Bosnier und ein Kroate fangen einen prächtigen Hecht. Einen serbischen, bosnischen oder kroatischen Hecht? Die Männer können sich nicht einigen, weswegen sie ihrem Fang, "in Übereinstimmung mit dem Daytoner Abkommen", seine Rückkehr in den Fluss anbieten. Eine schöne Utopie ist das, gleich am Anfang des Bandes mit Geschichten aus Bosnien, den die Leipziger Schriftstellerin Juli Zeh herausgegeben hat. Die Wirklichkeit ist problemlösungsresistenter. Denn die Autoren, oft gerade mal Anfang zwanzig, leiden unter dem Dreieckshandel, den die Geschichte mit ihnen veranstaltet hat: Von den Tschetniks vertrieben. Nach Deutschland geflohen. Schließlich eine halbe Rückkehr; in die bosnisch-kroatische Föderation, aber nicht in die Heimat, denn die liegt in der Republika Srpska. Geschrieben wird darüber auf Deutsch, in der fremden Sprache also. Und so handeln auch die Geschichten vom Fremdsein – wie man sich eben so fühlt, wenn man als Mädchen ungeschminkt und mit Military-Hose aus Deutschland zurückkommt. Oder wenn man als Junge in einer bayerischen Fußball-Auswahl gespielt hat, aber in Bosnien alle Sportplätze zerstört sind. Über das Bosnien von heute, seine Menschen und Städte lässt sich wenig erfahren; die Autoren sind zu sehr auf Selbstvergewisserung eingestellt. Ihre Mischung aus Reflexionsprosa, jugendlichem Weltschmerz und Kriegsschicksal erzeugt einen Sound der Traurigkeit. "Der Krieg", heißt es einmal, "hat uns alle durcheinander gerührt wie Zutaten in einem Topf, und es ist ein Kuchen daraus geworden, den niemand essen will."Malte Henk