American Night heißt Paul Grahams neuester Bildband. Silber auf Weiß geschrieben, schimmert auf der ersten Seite ein Zitat aus Herman Melvilles Moby Dick: Der Mensch könne Dinge nur richtig erkennen, wenn sie sich vor einem dunklen Hintergrund voneinander unterschieden, und doch sei er nie in der Lage, zwei Dinge gleichzeitig zu fixieren. Der Hintergrund aber ist auf Grahams extrem überbelichteten Aufnahmen hell und nur schwer auszumachen, denn der englische Fotograf hat die Farbe seiner Bilder auf das Äußerste reduziert. Nur derjenige, der es wirklich sehen will, kann es sehen: das Amerika der sozialen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, das Graham in den städtischen Randbezirken von Los Angeles und Memphis eingefangen hat.

Parkplätze in Industriegebieten, Brachland entlang von Highways, heruntergekommene Wohngegenden. Aus der Ferne zeigt Graham Menschen, die sich vereinzelt durch diese konturlosen wastelands schleppen. Sie wirken, als hätten sie den American Dream längst aufgegeben, den der Künstler immer wieder durch Einzelaufnahmen blitzsauberer Eigenheime der weißen Mittelklasse beschwört, Statussymbole des Erfolgs, hyperreal, farbintensiv und auf unerklärlich fröhliche Weise bedrohlich. Unvermittelt kollidieren sie mit düsteren Nahaufnahmen ärmlicher schwarzer Menschen im Zentrum New Yorks. So akribisch und kunstvoll hat wohl noch keiner die Unsichtbarkeit von Armut fotografiert.

Paul Graham: American Night - Steidl Verlag, Göttingen 2004 - 128 S., 75,- e