Einmal, als eine gesellige Runde vor berstenden Bücherregalen gehobener Laune war und das Leben seine angenehmen Seiten freiwillig zeigte, berichtete ein angesehener Kritiker in unterhaltsamem Ton, Musils Mann ohne Eigenschaften habe er nie zu Ende gelesen. Er habe es unter nordischem Licht im Schärensommer versucht, des Winters in einem Wiener Kaffeehaus, in der Sonne Siziliens, mal hoch motiviert, mal indifferent, mal verliebt und mal unverliebt, es war nichts zu machen. Das Buch sollte rein, aber ein bis heute unaufgeklärter Widerstand habe das wirksam verhindert.

Robert Musil, sagte dann heiter der Kritiker, sei es allerdings beim Lesen noch bedenklicher ergangen. Schon zog er dessen Tagebücher heraus und zitierte: Ich erinnere mich, seit Jahren selten ein Buch zu Ende gelesen zu haben, außer es war ein wissenschaftliches oder einer jener ganz schlechten Romane, in denen die Augen stecken bleiben, als ob man einen großen Teller in Schnaps getränkter Makkaroni hinunterschlingen würde.

Dies war der Moment, in dem ein älterer Herr, dessen öffentliche Stimme der kritischen Linken seit langem Respekt verschaffte, den Kritiker vergnügt unterbrach und berichtete, er sei mitten in den drei Bänden des Kapitals stecken geblieben, schon wusste eine junge Person lebhaft den begnadeten ersten Satz der Harmonia Caelestis des großen Esterházy wiederzugeben, um dann zu bedauern, dass sie aber nie weit über diesen Anfang hinausgekommen sei, und eine kluge Autorin, deren Urteil über Büc her zu Recht allseits gefragt ist, räumte gern ein, vor den meisten Romanen Thomas Manns kapituliert zu haben. Besonders unlesbar: Die Buddenbrooks.

Allerlei leichtsinnige Überlegungen schlossen sich an, wie viel Qualität denn ein reizbares Hirn fassen könne, ob Anstrengung und Lesen das Gleiche seien, wie sich das Recht auf Faulheit durchsetze und inwiefern die unerzogene Subjektivität darüber bestimme, was Einlass in den Kopf verdiene und was eben nicht, da gab der Kritiker noch einmal Musils Tagebücher zum Besten: Wenn ein Buch aber wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte hinaus - mit der Länge des Gelesenen wächst in steigenden Potenzen ein bis heute unaufgeklärter Widerstand. Es ist nicht anders, als ob die Pforte, durch die ein Buch eintreten soll, sich krampfhaft gereizt fühlte und eng verschließen würde. So wären also alle lesenden Pförtner in guter Gesellschaft.

Nun aber zu den Buchempfehlungen dieser Woche.