Meistens ist es ganz leicht, mit den Nazis fertig zu werden. Ziehen sie in einen Landtag ein, so wird für ein paar Wochen die Empörungsmaschine angeworfen. Dann schweigt man die Nazis tot und wartet darauf, dass sie sich gegenseitig fertig machen. Diese coole Methode hat einen Vorteil: Man macht die Nazis nicht durch lang anhaltende öffentliche Erregung künstlich stark. Denn so klug kann man sie gar nicht bekämpfen, als dass sie an diesem öffentlichen Gegenwind nicht auch aufsteigen könnten.

Leider funktioniert die coole Methode nicht immer, im Moment funktioniert sie gar nicht. Denn die Nazis in Sachsen halten sich nicht an die Spielregeln: Statt sich gegenseitig fertig zu machen, handeln sie rational. Bisher konnte man sich darauf verlassen, dass die negative Energie, die in der Nazi-Ideologie steckt, sich früher oder später auch nach innen richtet. Nun lernen wir: Wer eine durchgeknallte Ideologie vertritt, kann dennoch funktional Politik betreiben.

Man kann das für einen Zufall halten und glauben, da hätten sich im Sächsischen Landtag eben mal ein paar äußerlich zivilisierte Nazis gefunden. Dann könnte man darauf hoffen, dass alsbald der Wahnsinn dieser Partei ihre Anführer frisst. Dann müsste man die Sache nicht ernst nehmen. So wie Edmund Stoiber, der meint, das NPD-Thema nutzen zu können, um die fünf Millionen Arbeitslosen zu skandalisieren. Doch wer sich für einen Moment aus der üblichen Nazi-Bekämpfungsroutine löst, sieht, dass es sich diesmal doch um eine sehr ernste Entwicklung handelt.

Offenbar tut es den Nazis gut, dass die Tätergeneration in ihren Reihen keine große Rolle mehr spielt. Damit lindert sich der Generationskonflikt zwischen den Alt-Nazis, die den Zweiten Weltkrieg doch noch gewinnen wollen, und den Jung-Nazis, die zwar gewalttätig, aggressiv und rassistisch leben möchten, aber mehr auf musikalischpostmoderne Weise. Möglicherweise ist die Nazizeit auch für Nazis besser zu handhaben und als rechtsradikale Popkultur zu nutzen, wenn nicht mehr allzu viele Alt-Nazis dazwischenreden.

Diese Rationalisierung ihres Irrsinns eröffnet den Nazis die Chance, ihrerseits cool zu agieren und jetzt eine für sie einmalige Gelegenheit zu nutzen. Weil sich demnächst das Kriegsende zum 60. Mal jährt, ist das Land besonders vergangenheitssensibel und kann die rechtsradikalen Obszönitäten schwerer ignorieren. So entsteht genau die Aufregung, die sie brauchen.

Hinzu kommt für die NPD eine einmalige parteipolitische Konstellation: Springt sie am 20. Februar in Schleswig-Holstein über die 5-Prozent-Hürde, dann wird das politische Deutschland in Panik geraten. Denn damit hätte sich die NPD auch im Westen wieder etabliert und, was noch schlimmer ist: Von da an würde alle Welt darüber reden, ob die Partei bei der NRW-Wahl im Mai ebenfalls ins Parlament komme.

Sogleich läge die Frage auf dem Tisch: Bestimmt die NPD den Ausgang der Bundestagswahl 2006? Oder, um es boulevardesk, zu sagen: "Nazi-Aufmärsche bei der WM." Es ist also schon jetzt genug nervöse Energie in der Luft, um die NPD auch in Schleswig-Holstein so interessant zu machen, dass sie trotz fehlender kommunaler Basis, ohne Programm und ohne Personen wie in Sachsen ins Kieler Parlament einziehen könnte. Damit wäre die Spirale in Gang gesetzt.

Doch es gibt noch eine andere Methode als die coole, mit den Nazis fertig zu werden – die pathetische, bei der wir alle unsere Kraft in die Waagschale werfen. Wenn es stimmt, dass die Nazis im Moment eine ernste politische Gefahr darstellen, dann muss dieses Land eben zeigen, wer hier die Mehrheit hat, die überwältigende. Der 8. Mai könnte so eine Gelegenheit sein. Da muss dann die ein oder andere Million Demokraten eben auf die Straße gehen. Wir können auch anders.