Jetzt, gerade jetzt blicke ich hinaus auf den schneebedeckten Central Park. In ein paar Tagen wird er mit orangen Vorhängen drapiert sein, wie es sich Christo und Jeanne-Claude haben einfallen lassen. Das Künstlerpaar, der eine in Bulgarien, die andere in Marokko geboren, feiert die Natur, auch die New Yorker, die demokratische und kosmopolitische Natur.

Was das heißt? Vor mehr als einem halben Jahrhundert, also gestern, lauschte ich in einem Städtchen im Norden Rumäniens einem hochgewachsenen weißhaarigen Mann, der vor einem überfüllten Saal sein Gedicht Die Farben Rot und Schwarz vortrug. Wenn ich jetzt auf den winterlich weißen Central Park blicke, fallen mir die Verse jener stalinistischen Zeit ein: "In New York ist alles schön./ Helden treten auf, Helden treten ab. / Kinder, geboren für Sing-Sing / auf den Straßen wie Pellagra. / Gelbes Karate-Blut / durchpulst jedes Building. / Im Hafen die Freiheitsstatue! / Und hinter ihrer hohen Lüge / heulen Yankee-Gespenster den Mond an. / Gepeinigt wie von einer Pellagra / von den Farben Rot und Schwarz." Das Rot der Revolution natürlich, und das Schwarz der unterdrückten Rasse. Das Klischee wurde auf den Jahrmärkten aller kommunistischen Diktaturen nachgebetet, und es hatte die den Absichten entgegengesetzte Wirkung: Der Nimbus der verbotenen Frucht umgab die geschmähte Metropole der Neuen Welt und ließ sie als phosphoreszierender Olymp der Moderne, als städtischer Everest des Abenteuers erscheinen.

Bei den seltenen touristischen Ausflügen, die ich als Bürger des sozialistischen Rumänien unternehmen durfte, widerfuhr mir, dem Neuling, natürlich mancher Höhepunkt begeisterten Erlebens. New York jedoch blieb ein Traum, fremd und so weit weg, dass ich Illusion und Wirklichkeit nicht gegenüberzustellen brauchte. Als ich dann nach New York flüchtete, handelte es sich nicht mehr um eine touristische Erfahrung. Das unvermittelte Erschrecken vor dem allgegenwärtigen, alles verschlingenden Ungeheuer wich allerdings bald der Faszination des Neuen. Ein alteingesessener New Yorker, der Kritiker Irving Howe, versuchte meinen Elan durch eine realistische Mahnung zu dämpfen: "Um dich dieser Stadt erfreuen zu können, brauchst du eine gute Wohnung und ein sicheres Einkommen." Ich lebte in einem elenden Hotelzimmer in einem verrufenen Viertel mit der neurotischen Unsicherheit des Ankömmlings. Doch erschien mir alles um mich her unwiderstehlich schon durch Rhythmus und Farbe, dank der Kontraste und Überraschungen. Dass Walt Whitman und Marc Twain, Herman Melville, Henry James und John Dos Passos hier gelebt hatten, dass Enescu, Brânçusi oder Eugen Ionescu in New York Erfolg gehabt hatten, steigerte meine Hoffnungen mitnichten. Das Leben in und mit dieser Stadt wirkte sich langsam und nachhaltig hypnotisch aus wie eine Droge.

In den letzten 16 Jahren wurde es besser mit dieser Sucht, was nicht nur an der Gewöhnung lag, sondern auch mit den weniger konventionellen Alltagsarrangements zusammenhing. Der New Yorker Stoffwechsel gab den Rhythmus vor und flößte mir seine Gift- und Nährstoffe ein. Eine Anpassung eigener Anlagen zwecks Verfertigung einer Identität.

Obgleich ich spürte, dass ich, ein Exilant im Land des Exils, immer mehr einer Welt zugehörte, die keine Zugehörigkeit kennt, vermochte ich erst am 11. September 2001 zu erklären: "I am a New Yorker", wie das Kennedy in Berlin getan hatte, als die ehemalige Hauptstadt der Nazis in Gefahr war, eine kommunistische Hauptstadt zu werden.

Der Angriff auf die Türme zu Babel war zwar unerwartet, aber nicht unvorhersehbar gewesen, so wenig, wie es der Hass der fanatischen Anhänger Allahs auf das Symbol der Moderne gewesen war.

Die Geschichte des Alten Testaments erzählt, dass die Arbeit an dem Bau in Shinar, dem alten Babylon, abgebrochen wurde, weil er in den Himmel, an die Gottheit heranragte. Mit einem Mal konnten sich die Erbauer nicht mehr verständigen, ihre verschiedenen Sprachen trennten sie. Im neuen Babylon, in Chinatown und in Little Italy und im russischen Brighton Beach und an allen Ecken und Enden New Yorks, werden alle Sprachen der Erde gesprochen. Die Erbauer der Türme wollten aber, in welche Sprache auch immer sie hineingeboren worden waren, "Amerikaner" sein, Bürger der Neuen Welt, deren Statue dafür steht, dass alle Macht von der Freiheit ausgeht.

Im World Trade Center waren menschliches Schöpfertum und menschliche Zusammenarbeit weltlich kodifiziert. Zwar erschienen sie bar jeder Poesie, dennoch hätten die Türme, statt für den Welthandel zu werben, das Emblem der Weltpoesie tragen können, wie es der Surrealist André Breton formuliert hat: "Es sind vor allem die Unterschiede, die uns verbinden."