Irgendwann stellt sich fast jeder Auslandsreporter die Frage, ob es sich denn lohne, nach Bagdad zu fahren oder nach Kabul oder nach Mogadischu. Unter den gegenwärtigen Umständen sind das alles keine besonders freundlichen Orte. Giuliana Sgrena stellt sich solche Fragen nicht. Sie fährt in diese Weltgegenden, um denen eine Stimme zu geben, die keine haben, keine jedenfalls, die gehört werden kann.

Am Freitagmorgen vergangener Woche ist Giuliana Sgrena in Bagdad entführt worden. Gerade verließ sie eine Moschee, in der sie mit Flüchtlingen aus Falludscha hatte sprechen wollen, Opfern der amerikaischen Antiterror-Offensive, als bewaffnete Männer ihre Helfer vertrieben und sie selbst verschleppten. Inzwischen gibt es widersprüchliche Erklärungen unterschiedlicher islamistischer Organisationen. Es gibt Ultimaten an die Adresse ihres Heimatlandes Italien, das im Irak Truppen stationiert hat. Es gibt eine Ankündigung, die Reporterin freizulassen, und es gibt die Behauptung, sie sei ermordet worden.

Sicher ist nur, dass Giuliana Sgrena, wenn sie noch lebt, in großer Gefahr schwebt. Leicht könnte sie zum Opfer des Krieges werden, über den sie berichtet hat. Ihren Entführern mag es wirklich um den Kampf gegen die Besatzungstruppen gehen, vielleicht auch nur um Geld. Für Giuliana Sgrena geht es um ihr Leben.

Wie konnte sie sich in diese gefährlichen Situationen begeben, ohne sich immer wieder zu fragen: Was soll das Ganze eigentlich? Woher nahm sie die Sicherheit, dass es richtig ist, was sie tut?

Dafür muss man wohl an den Anfang zurückgehen. Giuliana Sgrena kommt 1948 in einem kleinen Ort in Norditalien zur Welt. Die Wunden, welche die deutsche Besatzung geschlagen hat, sind noch frisch. Vielleicht noch schmerzhafter aber ist das, was die Italiener selbst einander zugefügt haben. Denn unterhalb der bleiernen Kappe der deutschen Besatzung tobte zwischen 1943 und 1945 vor allem im Norden des Landes ein bitterer Kampf. Manche Historiker beschreiben diese Ereignisse heute als Bürgerkrieg. Faschisten und Kommunisten schenkten sich nichts. Wo es ging, brachten sie einander um. Giuliana wird in eine antifaschistische Familie hineingeboren. Der Vater ist ein politisch aktiver Eisenbahner. Sie gehört – wenn man so will – qua Geburt zu dem Italien, das seine Identität aus dem Kampf gegen den Faschismus bezieht.

Dieses Italien war in der Regel tiefrot, jedenfalls dominiert von der Kommunistischen Partei, der größten in Westeuropa. Gleichzeitig war es ein Universum der unterschiedlichsten Gruppierungen, Organisationen und Individuen. Die politischen Leidenschaften prallten mitunter mit obsessiver Kraft aufeinander. Es gab die einen, die sich kompromittierten, indem sie auf Teufel komm raus die Diktaturen im Ostblock verteidigten. Es gab die anderen, die diese Diktaturen vehement attackierten, und zwar gerade weil sie sich als Kommunisten verstanden.

Il Manifesto war eine dieser Gruppen. Sie spaltete sich unter der Führung einiger Parlamentarier 1969 von der Kommunistischen Partei Italiens ab und gründete eine Zeitung gleichen Namens: Il Manifesto. "Kommunistische Tageszeitung" steht bis heute in dem Untertitel. Das ist weniger Ausdruck einer Betonmentalität als einer Art Trotz und eines gewissen radical chic: Seht her, wir versuchen es doch noch! Was Il Manifesto versucht? Genau lässt sich das nicht sagen. Jedenfalls geht es um eine bessere Welt. Man verharrt im Ungefähren des Sehnsuchtsvollen, schon weil alles Eindeutige von der Geschichte verdammt worden ist. Darum auch zieht Il Manifesto die verschiedensten Charaktere an, vom hartgesottenen Träumer bis zum unbelehrbaren Antiamerikaner, vom rituellen Antifaschisten bis zum aufrechten Gewerkschafter. Wider jede ökonomische Vernunft überlebt diese Zeitung.