porträt Beruf: AugenzeuginSeite 3/3
Der 11. September 2001 und die Folgen waren für die überzeugte Pazifistin Giuliana Sgrena eine große Herausforderung. Alle ihre Berichte aus Kriegen sind getragen von ihrer Abscheu gegenüber der Gewalt als Mittel der Politik. Um das Leid der Menschen im Krieg beschreiben zu können, hat sie viele Strapazen und große Risiken auf sich genommen. Aus ihrer pazifistischen Überzeugung heraus ist Giuliana Sgrena in die entlegensten Winkel gefahren. Und nun das: Ein Ereignis, das eine gewaltsame, eine militärische Reaktion wenn nicht geboten, dann doch jedenfalls nicht von vornherein abwegig erscheinen lässt. Aber ihre Fragen am Ende eines jeden Tages blieben die gleichen: Habe ich gut recherchiert? Habe ich etwas vergessen? Habe ich die richtigen Leute gesprochen? Habe ich dem Leser die Ereignisse verständlich machen können? Unermüdlich bestrebt, die eigene Arbeit zu verbessern, zuallererst kritisch gegenüber sich selbst, manchmal bis zur Selbstlähmung, so arbeitet Giuliana Sgrena.
So selbstverständlich es ihr ist, auf der Seite der Leidenden zu stehen, so fremd ist ihr jede Sentimentalität. Sie ist keine mitfühlende Allesversteherin. Sie kann hart sein, auch ungerecht, und doch auch immer bereit, Fehler einzugestehen. Vor allem ist sie eine Sammlerin von Informationen, die sie gewissenhaft analysiert. Besonders im Irak hat sie immer und immer wieder deutlich gemacht, wie die Bevölkerung zerrieben wird zwischen Terroristen und Besatzern. Sie hat – auch für die ZEIT – detailliert aufgeschrieben, wie sich das irakische Volk dagegen wehrt, wie es versucht zu leben, ohne in das eine oder andere Extrem zu verfallen. Die Würde der Menschen, das ist das eigentliche Thema ihrer Arbeit.
Die weltumstürzenden Technokraten der Macht aus Washington mögen immer noch glauben, man müsse nur genügend Geld in den Irak pumpen, um ihn zu befrieden. Sie liegen falsch damit. Wer verstehen will, warum das so ist, kann bei Sgrena nachlesen. Wohl auch deshalb hat der oberste Rat der Sunniten den Entführern ausrichten lassen, diese Journalistin habe »einen Preis verdient und keine Strafe«. Sie, die Aufklärerin, hat das Wesen der Iraker intuitiv erfasst – auch das gehört zu ihren besonderen analytischen Fähigkeiten.
Sie ist, darin hat der Rat der irakischen Sunniten Recht, in der Tat eine Freundin des irakischen Volkes, eine streitbare Freundin.
- Datum 10.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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