Wen das Glück ereilt, von den Musen und von einer jungen Frau geküsst zu werden, der wird diesen romantischen Himmel auf Erden wie eine Bastion verteidigen – vor allem gegen böse Mächte von außen. Sollte die Gunst der Welt nicht auf der Seite des einsamen, kämpferischen und unvergleichlich begabten Künstlers stehen?

So sah es auch Robert Schumann, oder besser: So hat es eine Nachwelt gesehen, die ihn idealisierte. Dass Schumann, im Reich der Töne ein Götterliebling, charakterliche Schwächen besaß, war vielen Biografen peinlich. Sie haben zum Zweck der Heldenverehrung das wirkungsvollste Fleckensalz eingesetzt – das Verdrängen. Den Säufer Schumann haben sie ausgeblendet und heruntergespielt, dass er seine erste Braut Ernestine von Fricken verstieß, als er von ihrer Armut erfuhr. Schumanns Verehrer haben verneinend auf die Frage geantwortet, ob denn Unreife Sünde sein könne, und stattdessen ein Opfer-Täter-Profil gezeichnet. Darin steht das Genie Schumann auf der unschuldigen Seite – und auf der schuldigen der missgünstige Schwiegervater Friedrich Wieck, der ihm seine minderjährige Tochter Clara nicht zur Frau geben wollte und deshalb sechs »Ehekonsensbedingungen« formulierte. Als geschichtliche Gerechtigkeit haben die Verehrer bejubelt, dass Schumann 1840 aus dem berühmtesten Eheprozess der Musikgeschichte, den er gegen Wieck führte, als Sieger hervorging.

Eine Dissertation, die ausgerechnet an der Robert-Schumann-Musikhochschule Düsseldorf entstanden ist, rückt jetzt diese Fehde in ein völlig neues Licht. Friederike Preiß weist in ihrer Schrift Der Prozess. Robert und Clara Schumanns Kontroverse mit Friedrich Wieck (Peter Lang Verlag; 341 S., 56,50 Euro) nach, dass jene Gut-böse-Polarisierung vieler Schumann-Biografien nicht mehr haltbar ist. Wer die auch juristisch kompetente Arbeit von Preiß liest, gewinnt die Gewissheit, dass Schumann mitnichten ein sensibler Träumer, sondern ein aggressiver Täter war, der schon sehr früh und sehr gerissen einen Masterplan entwickelt hatte – Clara Wieck, die junge, berühmte Pianistin, unters eheliche Joch zu bringen, falls nötig unter Täuschung aller Beteiligten.

Eine archetypische Situation: zwei Männer im Duell, dazwischen eine junge Frau als vermeintlicher Zankapfel. Zwar stand man damals hoch in der Aufklärung, doch galt das »königlich-sächsische Recht«, und das war, was die Rolle der Frau betrifft, immer noch traditionell formuliert. Wohnte sie (minderjährig) zu Hause, unterstand sie der »väterlichen Gewalt«; war sie verheiratet, hatte sie sich dem »ehelichen Vormund« zu beugen. Das sind Vokabeln von Macht und Abhängigkeit, und Preiß beweist, wer wirklich Besitzansprüche auf den Spielball Clara erhob – es war Schumann, nicht Wieck. Wieck, der weithin bekannte, erfahrene Klavierpädagoge und liebend-kluge Manager seiner Tochter im internationalen Konzertzirkus, befürchtete, dass Clara in einer Ehe mit Robert ihre Karriere würde abhaken müssen. Und er durfte annehmen, dass Claras Vermögen, allerorten mit Triumph eingespielt, vom ehelichen Haushalt völlig verzehrt wurde. Wieck kannte Robert sehr gut, der war mal sein Klavierschüler gewesen, er kannte auch den Lebenswandel und das Portemonnaie des jungen Künstlers. Wieck ahnte, dass Schumann die Rolle des Ernährers einer Familie kaum ausfüllen konnte. Vor Gericht wurde aus der Ahnung ebenfalls eine »Ehekonsensbedingung«, die Schumann durch beglaubigte Dokumente erfüllen sollte.

In der Tat hatten sich Schumanns Vermögensverhältnisse über die Jahre dramatisch verschlechtert. Die Richter aber ließen alles Finanzielle ungeprüft, weil Schumann sie meisterlich belogen hatte: Auf dem Weg zur »gerichtlichen Erlaubnis-Supplierung« bezifferte er seine Einnahmen höher, als sie in Wirklichkeit waren. Die Honorare aus seinen Tätigkeiten als Komponist wie als Redakteur der Neuen Zeitschrift für Musik waren geradezu mickrig; am journalistischen Gewerbe hatte er bald die Lust verloren. Die schönen Zinsgewinne, die seine angeblich festen und ausreichenden Einkünfte hätten abwerfen müssen, gab es nicht. Den Richtern hätte nur einer von Schumanns Bettelbriefen zu Augen kommen müssen, sie hätten Bescheid gewusst. Gern hätten sie auch erfahren, dass Schumann mit Syphilis infiziert war. Das wäre erst recht ein Ausschlusskriterium für eine Eheerlaubnis gewesen.

Schumann selber wusste seit langem, dass seine Situation zu bejammern war. Er hatte sein Jurastudium abgebrochen, um zu komponieren und Pianist zu werden, doch übte er sich einen Finger in einer Schlinge lahm. Weil er als Komponist damals kaum bekannt war, konnte er mit Clara nicht konkurrieren. Sie war begehrt, er war ein Niemand. Sie war reich, er hing am Tropf des elterlichen Erbes. Sie hätte täglich zu neuen Reisen aufbrechen können, er sehnte sich nur nach einem »kleinen, warmen Nest«. Für Clara wollte er es zum Käfig ausbauen, diese Vision hatte er schon vor der Ehe. In einem Brief schrieb er ihr im Juni 1839: »Erreiche ich nur das, dass Du gar nichts mehr mit der Öffentlichkeit zu tun hättest, wäre mein innigster Wunsch erreicht. Das bisschen Ruhm auf dem Lumpenpapier, was Dein Vater als höchstes Glück auf der Welt betrachtet, verachte ich.«

Da schwingt eine lieblose Rigorosität mit, die Wiecks Lebensentwurf für seine Tochter völlig zuwiderlief. Er wollte Clara mitnichten vereinnahmen, sondern ihren Platz in der Welt sichern. Das Klischee vom kindlichen Augapfel, den der Vater in der Vitrine eigenen Ruhmes ausstellen wollte, ist abwegig. Gewiss hatte Wieck viel Zeit und Geld in Clara investiert, doch war es sogar eine »Ehekonsensbedingung«, dass »Ihr, solange ich lebe und in Sachsen wohnen bleibe, nicht in Sachsen leben wollt«. Wieck war sich sicher, dass Clara in einer Weltstadt zu Hause sein musste, um ihren pianistischen Alltag und dessen repräsentative Seiten zu erfüllen. Sie selbst sah das genauso. Deshalb exekutierte Schumann ein weiteres, diesmal privates Täuschungsmanöver. Lange signalisierte er ihr seine Bereitschaft, ein gemeinsames Leben in einer Metropole zu führen. Als der Prozess gewonnen war, brach er sein Versprechen, beide gingen ins provinzielle Leipzig, und Claras Karriere kam im Trott des Nähens und Gebärens ins Stocken. Zehn Schwangerschaften, acht Kinder – die Pianistin blieb weitgehend auf der Strecke. Von Claras frühem Nimbus etwa in Wien war für die Clara Schumann von 1846 bei einer Konzerttournee kaum noch etwas zu spüren. Wenn sie auftrat, dann vornehmlich als Interpretin der Werke ihres Gatten.

Trotzdem blieben solche Konzerte zu Schumanns Lebzeiten die Ausnahme, sie waren nur als »Zubrot« zur Bestreitung des Haushalts gestattet. Ohnedies fröstelte ihn bei dem Gedanken, Clara auf Reisen zu begleiten; lieber wollte er ungestört komponieren und sie als dienendes Weib an seiner Seite haben, das den Gästen etwas vorspielen konnte. Clara verstörte es, wie oft Robert ihr diese Reisen verbot. »Ich bin es ja auch meinem Rufe schuldig, dass ich mich jetzt noch nicht ganz zurückziehe«, ließ sie ihn in ihrem gemeinsamen Tagebuch wissen. Schumann überlas es geflissentlich.