"Ich bin ein Staatsfeind." Mit diesem ersten Satz ist klar: Es geht nicht um Details – hier geht es ums Ganze. Furios und respektlos setzt Bestsellerautor Reinhard Sprenger an, um Deutschland wieder in Schwung zu bringen. Anfang der neunziger Jahre veröffentlichte der Unternehmensberater mit Mythos Motivation eines der meistgelesenen deutschen Wirtschaftsbücher. In seinem neuen Buch Der dressierte Bürger steht der Staat im Mittelpunkt. Sprenger aber bleibt seiner Grundthese treu: Sicherheitsdenken, übertriebene Kontrollversuche und falsche Anreize führen zum Niedergang – sowohl von Unternehmen als auch von Volkswirtschaften. Nur wenn Selbstvertrauen und Motivation der Mitarbeiter und Bürger zurückkehren, kann es aufwärts gehen. Und dafür, so Sprengers These, muss sich der Staat zurückziehen – und zwar möglichst überall.

Zur Entfaltung seiner Thesen zeichnet Sprenger ein düsteres Bild, das so allerdings schon oft in den vergangenen Jahren entworfen wurde: "unmodernes Land in moderner Welt", "regulative Erdrosselung", "Genehmigungsrepublik". Nichts in diesem Land gehe von allein, schreibt Sprenger, alles werde geregelt. Der Staat erhebe die "Deutungshoheit für das gute Leben" und wolle – von tiefem Misstrauen geleitet – die Bürger vor sich selbst schützen.

Mit Subventionen, Abschreibungsregeln und Steueranreizen versuche er, die Bürger zu lenken. So verspürten sie keinen direkten Zwang und hätten das trügerische Gefühl, die freie Wahl zu haben. "Die Dressur beginnt mit Geschenken", schreibt Sprenger.

Aber, so behauptet der Autor, der Staat unterschätze die Nebenwirkungen solcher Lenkungsversuche. Denn jede Einflussnahme zerstöre Selbstvertrauen und Motivation. "Bald hängt der Bürger am Staat wie ein Junkie an der Nadel." Das grassierende Opferbewusstsein sei staatlich induziert. "Wer Staat sät, wird Ohnmacht ernten."

Sprenger überträgt seine mikroökonomischen Erkenntnisse konsequent auf die Makroökonomie und fordert grundlegende Änderungen: Ein Mehr an Gerechtigkeit ließe sich nur über mehr Freiheit verwirklichen. "Der Staat muss anders gedacht werden." Dann könne Deutschland innerhalb von 15 Jahren wieder flottgemacht werden.

Sprengers radikal-liberale Vorschläge bleiben jedoch vage: Steuern senken und vereinheitlichen, Unternehmensteuern abschaffen, die Arbeitslosenversicherung auch. Staatliche Minimalleistungen sollen über Verbrauchsteuern, der Rest über private Stiftungen finanziert werden. Eine Föderalismusreform soll für Wettbewerb unter den Ländern sorgen; und durch flexible Arbeitsmodelle, Wirtschaft als Schulfach und die Abschaffung des Meisterzwangs im Handwerk soll endlich die Unternehmertätigkeit entfacht werden. Kühne Thesen: Während mit aller Kraft versucht wird, den Sozialstaat zu reformieren, fordert Sprenger dessen Abschaffung.

Aber: Sprenger lokalisiert den Ursprung der deutschen Misere allein in der staatlichen Lenkung. Das ist zu undifferenziert. Einwände gegen seine Thesen wischt er weg, ohne sie zu diskutieren. Was ist mit dem Schutz für Schwache, Hilfsbedürftige? "Muss gewährleistet werden können", schreibt Sprenger. Aber wie? Was ist mit Umwelt-, Verbraucher- und Anlegerschutz? Sprenger findet Beispiele, die all dies ad absurdum führen, aber er bleibt beim Einzelfall stehen. Das ersetzt keine fundierte Argumentation. Sein Gegner, der Staat, erscheint allzu monolithisch, "die Politiker" sind genauso Staat wie Bürokraten, Parteien, Verbände, Lobbyisten und Ausschüsse. Das Buch soll "nicht fair, nicht ausgewogen, aber klar" sein, wie es im Vorwort heißt. Das Ziel ist erreicht. Hier spricht der Staatsfeind, Details stören nur.