Berlin

Auf der Bühne im feierlich hergerichteten Schauspielhaus am Gendarmenmarkt steht Gerhard Schröder neben dem scheidenden BDI-Präsidenten Manfred Rogowski und einem Pferd, einem Geschenk für Rogowskis Nachfolger Jürgen Thumann. Der Kanzler schiebt dem nervösen Tier für die Fotografen lässig ein Zuckerstück ins Maul, die Kulisse glüht in tiefem Rot. "Die Farbe, in der Sie sich wohl fühlen", charmiert Rogowski den Regierungschef. "Wenn man uns ein bisschen mehr Zeit gegeben hätte, Herr Rogowski", sagt der Kanzler, "wir hätten das Traumpaar der deutschen Politik werden können."

In einem Berliner Lokal sitzt der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD, Ottmar Schreiner, und öffnet eine Packung Zigaretten. Er hatte aufgehört, dann kam die Agenda 2010, jetzt raucht er wieder. Kette. "Was kann ich Ihnen bringen?", fragt die Kellnerin. "Egal", antwortet Schreiner, "bringen Sie einfach irgendwas." Es klingt nicht verbittert, es ist auch kein Witz, es ist ihm wirklich egal. Ihn interessiert nur noch eins: "ob sich die SPD in diesem Jahr von ihrer historischen Funktion verabschiedet, ob die soziale Frage zu einer Ableitung wirtschaftlicher Interessen wird".

Unter der gläsernen Reichstagskuppel steht Franz Müntefering und redet über Glück. Glücklich wird man von Serotonin, und das ist im Roibos-Tee, und deshalb verschenkt die SPD-Fraktion bei ihrem Neujahrsempfang Roibos-Tee an Journalisten und Abgeordnete. Müntefering sagt "Rrreussbusch" statt Roibos. Es klingt nicht so, als hätte er das Wort schon oft gesagt. Aber man trinkt das jetzt. Und weil ein Parteichef offen sein muss für das Neue, auch wenn es ihm selbst nicht immer schmeckt, wirbt er jetzt für Roibos-Tee. "Wir können Reformen", sagt Müntefering noch. Neben ihm steht der Kanzler und strahlt. Ottmar Schreiner lächelt auch, aber glücklich wirkt er nicht.

Drei sozialdemokratische Politiker, drei Szenen der vergangenen Wochen. In welcher erkennt man die SPD? In allen? In keiner? Es ist nicht leicht, sich derzeit ein klares Bild davon zu machen, was das heißt: sozialdemokratisch. Am schwersten fällt es vielleicht den Sozialdemokraten selbst.

Die Depression des vergangenen Jahres ist einer seltsam sprachlosen Heiterkeit gewichen. Es gibt jetzt fünf Millionen Arbeitslose, aber es gibt keinen Aufschrei der deutschen Sozialdemokratie. Keine Selbstzweifel einer SPD-geführten Regierung, die sich einmal an der Zahl der Arbeitslosen hatte messen lassen wollen. Im Gegenteil: Endlich herrsche Ehrlichkeit auf dem Arbeitsmarkt, lautet die Sprachregelung, die sich die Regierung verordnet hat und die von der SPD widerspruchslos übernommen wird.

Mit ungläubigem Staunen stellt die Partei fest, dass es ihr wieder vergleichsweise gut geht. Zum ersten Mal seit der Bundestagswahl 2002 gibt es Umfragen, in denen Rot-Grün vor Schwarz-Gelb liegt. Peer Steinbrück, noch vor einem Jahr in Nordrhein-Westfalen als dröger Technokrat geschmäht, gilt plötzlich als respektabler Landesvater und Favorit für die Landtagswahl im Mai. Die schleswig-holsteinische Spitzenkandidatin Heide Simonis gibt frauenfeindliche Witze ihres Herausforderers Peter Harry Carstensen zum Besten und beteuert treuherzig, dass der CDU-Mann trotz seines fatalen Hangs zu Peinlichkeiten ein anständiger Kerl sei.

Auch Hans-Jochen Vogel wird nun wieder häufig gefragt