Riad

Was ist perfekte Sicherheit? Die Antwort findet sich dieser Tage in Saudi-Arabien. Sicherheit – das ist eine Konferenz von Antiterrorexperten in einer Hotelfestung in Riad, geschützt durch Betonsperren, Panzerwagen, Sandsäcke, Kameras, Hubschrauber und Scharfschützen. Sicherheit – das ist der unvermutete Sturm auf das Pressezentrum im Innern des Hotels. Ein Trupp vermummter Kämpfer stürzt sich auf die Journalisten, die von ihren Bildschirmen hochschrecken. Gebellte Befehle, entsicherte Schnellfeuergewehre, siedende Nervosität. Die Korrespondenten erstarren, einer sucht vor den vermeintlichen Kidnappern Schutz unterm Tisch. Da lacht ein Maskierter, und schon ist der Spuk zu Ende. Der Antiterrortrupp des Innenministeriums hat gezeigt, was er kann. Riad ist heute der sicherste Ort der Welt.

Hierher hatte die saudische Regierung zu Wochenbeginn Sicherheitsexperten aus mehr als 60 Ländern zu einer Antiterrorkonferenz geladen. Seit den Anschlägen auf Wohnblocks in der Hauptstadt im Mai 2003 kämpft Saudi-Arabien gegen zwei hartnäckige Feinde: gegen Terroristen und gegen das schlechte Image des Landes. Vor allem amerikanische Politiker werfen Saudi-Arabien vor, Heimat des Terrors zu sein. Beweis: Die meisten Attentäter des 11. September stammten von hier. In den vergangenen zwei Jahren jedoch wurde das Land selbst zu einem bevorzugten Ziel von al-Qaida. Eine Welle von Anschlägen erschütterte die großen saudischen Städte Riad, Dschidda und Chobar. Grund genug für das Haus Saud, sich jetzt als Avantgarde im Antiterrorkampf zu präsentieren.

Schauplatz ist das frisch verfugte König-Abdulasis-Zentrum von Riad, ein nicht zu klein geratener Pralinenkasten der Architekturgeschichte, halb Ludwigs Versailles, halb Lincolns Memorial, mit Koranzitaten auf Carrara-Marmor. Unter hubschraubergroßen Kronleuchtern begrüßt Kronprinz Abdallah die Gäste in der "Hauptstadt der Liebe und des Friedens". Dann erklärt er: "Terrorismus hat nichts mit einer Religion oder einer Kultur zu tun."

Der Islam ist also nicht schuld, will er damit sagen und demaskiert alsdann die drei Hauptstützen des Terrorismus: "Waffenschmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche." Wer solche Verbrechen verübt, bekommt es in Saudi-Arabien mit Prinz Naif zu tun. Der Innenminister und konservative Gralshüter der Königsfamilie ist weniger beliebt als der volksnahe Kronprinz, aber als Stratege des saudischen Antiterrorkampfes sitzt er fester im Sessel denn je. Grantig liest er die Zahlen vor, die Rückschläge und die Erfolge seines Ministeriums. Über 90 Opfer haben die Anschläge in Saudi-Arabien 2003 und 2004 gefordert, Ausländer wie Saudis. 507 Menschen wurden teilweise lebensgefährlich verletzt. Die Antiterroreinheiten töteten 92 Radikale, 17 Extremisten haben schwer verwundet überlebt. Vor dem Eingang des Zoos von Riad erschossen Polizisten im Juni 2004 den mutmaßlichen Al-Qaida-Führer auf der arabischen Halbinsel, Abdulasis al-Muqrin.

Militärisch, das zeigen die Zahlen von Prinz Naif, hat Saudi-Arabien sein Terrorproblem durchaus eingedämmt. Die führenden Köpfe der hiesigen Terrortrupps sind tot. Schwere, sorgfältig geplante Anschläge gelangen den Terroristen seit einem Jahr nicht mehr. Schwerer fällt es den Sicherheitsbehörden bisher, Kleinangriffe zu verhindern: gezielte Schüsse auf Ausländer und Entführungen mit Enthauptungen, die im Internet als "islamisches Strafgericht" vorgeführt werden.

Islamisch? Terrorismus hat mit Islam nichts gemein, heißt die Parole der Konferenz, doch die Saudis müssen sich im eigenen Land vorhalten lassen, dass ihre fundamentalistische Deutung des Islams extremistisches Gedankengut fördere. Auf diese Schelte sind sie indessen vorbereitet. Der Minister für religiöse Angelegenheiten trägt den Fleißnachweis seiner Regierung vor. "Wir bekämpfen den Terror mit religiösen und psychologischen Mitteln", sagt Saleh al-Ascheich. "Die Schulbücher werden laufend umgeschrieben, die Unterrichtsinhalte verändert, um verzerrte Ansichten zu eliminieren."

Gerade diese Nachricht ist bemerkenswert. Denn die saudische Regierung gesteht damit ein, was sie lange abgestritten hat: dass es an saudischen Schulen und Universitäten ein Problem gibt. In Büchern und im Unterricht werde "zum Hass gegen Andersgläubige" aufgerufen, sagt ein westlicher Konferenzgast. Doch wie schnell können Schulbücher ausgewechselt werden?