Neben den vielen, allzu vielen ungelesenen Meisterwerken, die uns nachts noch drohend und lockend in die Träume nachsteigen und schon am Morgen wieder vom Regal herabquengeln und gelesen werden wollen, gibt es auch den umgekehrten Fall: das mehrfach gelesene Buch. Das Drama des ungelesenen Buches mag gewaltig sein, das des wieder gelesenen ist delikat. Erlaubt es doch tiefe Blicke in die Unbeständigkeit des literarischen Urteils, das einem im Wandel der Zeiten und der Moden nicht fester begründet erscheinen mag als ein Schilfrohr im Wind.

Glücklicherweise geht es den Autoren darin nicht anders als den Kritikern.

Auch ihnen, das hat eine kleine, aber erlesene Umfrage der literarischen Zeitschrift Lose Blätter (Heft 31, Ebelingstr. 1, 10249 Berlin) ergeben, tritt ihr erstes Buch, in gravierenden Fällen schon nach wenigen Jahren, beim Wiederlesen wie ein Fremdling entgegen. Nicht nur die zeitliche, die sich von selbst versteht, sogar die metaphysische Distanz zu den eigenen frühen Hervorbringungen, so Durs Grünbein, sei unüberwindlich. Ilse Aichinger übertrifft den Berliner Metaphysikus mit ihrer lapidaren Bitterkeit: Was sie geschrieben habe, gehe sie nichts mehr an. Worauf es einzig ankomme im Sauseschritt der Zeit, sei das Vergehen. Wehe, wer sich da an ein paar lausige Bücher klammern wollte.

So geht alles dahin, und wir gehen mit. Dass es, wie Jürgen Becker vermutet, wirklich eine innere Zeit gibt, eine zeitlose, poetische Zeit, die dem Vergehen von der Schippe springt - das soll an diesem schönen Ort lieber nicht bezweifelt werden.