Stadt-Geschichte als Gefühls-Anordnung: das ist das Programm der Schau Alt-Wien. Die Stadt, die niemals war. Sie zeigt ein Wien, das wehtut, und eine Stadt, die so niemals war. 1200 Exponate auf 1200 Quadratmetern sind im Wiener Wien-Museum so zielgenau platziert, dass die Psyche des Besuchers im Innersten umgewühlt wird (bis zum 28. März). Die Sehnsucht nach Gemütlichkeit, Behaustheit, das Sentiment für Schmelz und Schmäh, Mehlspeis, Engerl, Geigen und das Glaserl Wein - wer kennt sie nicht, diese internationale Chiffre der Nostalgie, die weltweit wohnhaft gilt in Wien.

Eine hyper-erfolgreiche Inszenierung, der die Kulturwissenschaftler an der Donau jetzt zu Leibe rücken. Dieses Wien, das zeigt der europäische Blick, ist gar nicht so einzigartig, wie es sich verkauft. Dem Wandel müssen alle Metropolen sich beugen, die Moderne erzwingt seit Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Recht auf Elektrizität, Mobilität, Rentabilität und Hygiene. Von Paris bis Barcelona, von Würzburg bis Wien fallen der Spitzhacke die mittelalterlichen Mauern zum Opfer, auch die Welthauptstadt der Rückbezüglichkeit wird entfestigt - und entfesselt damit den Kult um jede Biedermeierei und Schubertiade. Das Neu-Wien des Gründer-Protzes produziert das Alt-Wien der Sentimentalität. Und alle bedienen sich dieser Konstruktion der chronischen Wehmut: der Film, das Lied, die Literatur, die Nazis einst und die Tourismus-Werbung heute. Der Heurigen-Rausch, die Fiaker-Seligkeit sind Metaphern für einen entschleunigten Ort, der von der expandierenden Metropole einer Weltmacht zur stagnierenden Hauptstadt eines Kleinstaates schrumpft. Selten schön, wie ein Ausstellungs-Design kongenial der Aussage das Geleit gibt, und bebildert, wie unsere Seelen gesteuert werden von gemachten Stadt-Bildern. Da liegt ein demolierter Doppel-Adler der verklärten k. u. k. Monarchie, da steht ein Sperrsitz aus dem alten Burgtheater, da stapeln sich säuberlich die unrestaurierten Riemen des Parketts von Beethovens Schlafzimmer, und das altstädtische Gassengewirr wird als verwinkeltes Holz-Labyrinth nachgebaut - die Enge macht den Atem stocken.

Nichts ist hier behübscht und versüßlicht, wiewohl einzigartiges Material süffig und haptisch Auge und Hand entgegentritt. Die Demontage des Klischees nimmt keine Rücksicht auf Duselei und konfrontiert den Betrachter durch den Anblick der Fakten mit seinen eigenen Fiktionen. Wien ist überall und trotzdem eine Reise wert.