Was ist Schach auf der nach oben offenen Aggressionsskala? Friedliches Spiel, Kampf, Vernichtungsstreben? Hier einige ganz willkürlich ausgewählte Meinungen:

Das Dictionary of the English Language beschrieb Schach einst als »netten Zeitvertreib, bei dem zwei Gruppen von Püppchen aufeinander treffen«.

Das klingt recht heimelig, nach einem Spielchen am Sonntag nachmittag zwischen Onkel Karl-Horst und seiner Nichte Nicola.

Joseph Smilg sieht es anders: »Schach ist gnadenlos. Es geht darum, den Gegner zu vernichten. Wer behauptet, das Vergnügen läge im Spiel selbst, nicht im Gewinnen, der ist ein Lügner. Eine freundschaftliche Partie ist ebenso ein Widerspruch in sich wie eine jungfräuliche Hure. Falls du denkst, Schach spielen mache Spaß, zeigt dies nur, dass du nicht bei Verstand bist, denn du merkst gar nicht, dass ein bösartiger Feind dich zerstören will.«

An diesem pointierten Erguss hätte der englische Schriftsteller H. G. Wells (Die Zeitmaschine) wohl seine Freude gehabt, schließlich schreibt er: »Schach ist eine schreckliche Passion. Willst du jemanden zerstören, so nimm nicht Dolch oder Schwert – das wäre altmodisch. Nein, lehre ihn Schach, impfe ihn damit. Politiker regieren nicht mehr, Väter kümmern sich nicht mehr um ihre Familie.« Vielleicht sollte man an dieser Stelle anmerken, dass H. G. Wells selbst der Leidenschaft des Schachs verfallen war.

Vielleicht kann man dieses jahrtausendealte Spiel aber auch sine ira et studio betrachten. Seneca, der Lieblingsphilosoph Kasparows, schreibt: »Vivere militare est« – »Leben ist kämpfen«.

Und Kasparow selbst hat es so formuliert: »Schach ist ein Symbol für den Lebenskampf. Man droht und man wird bedroht, man belauert einander, während die Figuren, selber symbolische Krieger, inmitten eines geladenen Schweigens gegeneinander vorrücken.«