Die Freiheit lernen

Syrien gilt den Amerikanern als Schurkenstaat. Doch das Land und sein junger Präsident versuchen sich an einer arabischen Perestroika. Sogar offene Regimekritik ist möglich – mit den Mitteln der Kunst

Vielleicht sollte man Samuel Huntington einmal auf Reisen schicken. Nach Damaskus zum Beispiel, in die Omaijadenmoschee, eine der prächtigsten Moscheen der Welt, die sich weit wie ein Fußballplatz mitten in der Altstadt ausbreitet. Hier könnte der amerikanische Historiker und Erfinder des erstaunliche Beobachtungen machen: Christen und Muslime beten einträchtig nebeneinander, Sunniten und schwarz gewandete Schiiten aus dem Iran, die in ganzen Busladungen herbeigekarrt werden, kommen ins Gespräch. Kinder dürfen spielen und Lärm machen, Hunderte Männer kauern in ritueller Haltung auf Gebetsteppichen, Frauen verbreiten eine fast familiäre Ausflugsatmosphäre. Rund um die Omaijadenmoschee scheint die Friedensvision für den Nahen Osten Wirklichkeit geworden zu sein. Jahia, der Fremdenführer in der Moschee, weiß, warum es besser ist, gemeinsam zu beten als allein: »Am Ende des Gebetes müssen sich alle als Zeichen der Versöhnung die Hände schütteln. Und wenn ich ein Problem mit meinem Nachbarn habe und ihm hier die Hand gebe, dann sind die meisten Streitigkeiten schon aus der Welt.«

Selbst der Papst hat es bis hierher geschafft, bei seinem einzigen offiziellen Besuch einer Moschee überhaupt. Vor dem Grab Johannes des Täufers, der von Muslimen und Christen gemeinsam als Prophet verehrt wird, hat er eine fundamentale Rede gehalten. Johannes Paul II. bat um Vergebung für die Kreuzzüge, die seine Vorgänger einmal angezettelt hatten, und forderte: »Nie wieder darf die Religion ein Grund sein, um einen Krieg anzufachen« – eine prophetische Forderung, nur vier Monate vor den Anschlägen vom 11. September 2001.

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Die neue Vorzeigefrau ist wütend, intelligent und medienwirksam

Heute erscheint diese Friedensvision von Damaskus schon wieder Makulatur. Der Krieg ist in die Region zurückgekehrt, und seine Ausläufer sind in der syrischen Hauptstadt wie ein fernes Donnergrollen zu vernehmen. Die Stimmung ist gedrückt, nervös und ein wenig paranoid, es herrscht latente Kriegsangst. Wer sich als Europäer durch die Basare der Altstadt bewegt, wird manchmal in holprigem Englisch von wildfremden Einheimischen angesprochen: »Glauben Sie, dass die Amerikaner den Krieg zu uns bringen?«

Kein Zweifel: Syrien ist einer der neuen Lieblingsfeinde der Vereinigten Staaten von Amerika. Ganz offen haben die Amerikaner während des Irak-Kriegs damit gedroht, bis zur türkischen Grenze weiterzumarschieren, weil Syrien angeblich den irakischen Aufständischen Waffen geliefert und ausländische Kämpfer eingeschleust habe sowie führende Köpfe des Saddam-Hussein-Regimes beherberge. Und noch in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation sagte Präsident George W. Bush: »Wir erwarten von der syrischen Regierung, jede Unterstützung des Terrors zu beenden und die Tore für die Freiheit zu öffnen.«

»Welch ein Blödsinn!“, sagt Jammam Fakousch, »wir haben unsere Grenzen nicht für die Iraker geöffnet, sondern im Gegenteil genauestens kontrolliert.« Fakousch ist der Direktor des Nationalmuseums und oberster Herr über die syrischen Altertümer – und spricht perfekt Deutsch, weil er in Weimar promoviert hat. Er selbst habe zum Beispiel mit seinem Wagen an der Grenze Wache gehalten, damit keine geraubten Kulturgüter aus dem Irak nach Syrien geschmuggelt würden, erzählt er in seinem Büro im Nationalmuseum, einem festungsartigen Palast, von Palmen umstanden, nahe dem modernen Geschäftsviertel von Damaskus. Wie ein Bruder ähnelt es dem Nationalmuseum in Bagdad, das im letzten April vor den Augen der US-Truppen und zur Empörung der ganzen Welt geplündert wurde.

»Wir haben aus dem Desaster von Bagdad gelernt«, sagt Fakousch in seinem leicht thüringisch gefärbten Deutsch. Alle Bestände seien elektronisch archiviert; Kleinode wie das älteste Alphabet der Welt auf einer kleinen Lehmtafel verschwänden im Alarmfall binnen Minuten in eigens gefertigten High-Tech-Safes.

Ein paar Stunden später Termin bei der außenpolitischen Sprecherin des Präsidenten, Butheina Schabaan, einer in Syrien besonders beliebten Politikerin. Mit dem Bus geht es hinaus in die Hügel oberhalb von Damaskus, militärisches Sperrgebiet, man fährt über gespenstisch leere Autobahnen. Der Präsident soll ganz in der Nähe wohnen, zischelt man, genau weiß es niemand. Schabaan hält die Wut in ihrer sanften Stimme nur mühsam unter Kontrolle: »Man verteufelt uns als Terroristen und sieht uns nicht als Menschen. Man beschuldigt uns der Verbindung zu al-Qaida, obwohl es bei uns schon lange keinen religiösen Fundamentalismus mehr gibt.«

Tatsächlich hat der Islamismus in Syrien schon seit den achtziger Jahren ausgedient. Präsident Hafis al-Assad ließ den religiösen Widerstand gnadenlos zerquetschen. Sein Sohn Baschar al-Assad, 39, versucht es nun mit einer ganz anderen Politik als sein gefürchteter Vater. Er strebt nach Demokratisierung des bisher im Namen der Baath-Partei gleichgeschalteten Staatswesens und setzt auf Leute wie Butheina Schabaan, eine zierliche, hoch intelligente Anglistikprofessorin und Dolmetscherin, die so etwas verkörpert wie die Hoffnungsträgerin des neuen Syrien. Die Frau, die Inhalte sehr emotional und medienwirksam verkaufen kann, steht für einen Kurswechsel Syriens nach Jahrzehnten der harten Hand: eine Öffnung, die das Land dringend braucht.

Syrien kann sich eine dauerhafte Kriegswirtschaft nicht leisten. Die Auseinandersetzung mit Israel, das noch immer die Golanhöhen besetzt hält, wiegt schwer im Staatshaushalt. Das Land steht vor dem Bankrott und weiß genau: Ohne Frieden werden niemals Investoren kommen. Schon deshalb ist das Friedensangebot an Israel, das kürzlich wieder erneuert wurde, ernst gemeint. Israels Ministerpräsident Scharon setzte sich achselzuckend darüber hinweg.

In der syrischen Regierung werden derweil alte Betonköpfe ausgewechselt. Schon im März will sich die politische Klasse in dem sklerotisierten Land selbst reformieren. »Wir sind dabei, die Weichen anders zu stellen«, sagt der neue Informationsminister Mahdi Dahlala, selbst ein Feuerkopf unter den Reformern. »Jeder, der Syrien in den letzten fünf Jahren besucht hat, wird große Fortschritte feststellen: Das Geschäftsleben ist liberalisiert worden, es gibt mehr Meinungsfreiheit, mehr Demokratie. Und im Frühjahr wird sich die Baath-Partei auf einem Kongress grundlegend wandeln. Wir wollen weg vom Sozialismus und hin zur Sozialdemokratie. Wir wollen uns ändern, und wir freuen uns, wenn uns die Welt dabei hilft.«

Hehre Worte. Doch tatsächlich sind im Land eklatante Fortschritte zu beobachten. Inzwischen dürfen selbst Oppositionelle in großen staatlichen Zeitungen schreiben, und geradezu sensationell provokant ist die Ausstellung, die im Dezember in den Räumen des Goethe-Instituts eröffnet wurde. »Noch nie wurde so offen Regimekritik geübt«, begeistert sich ein Oppositioneller, noch nie habe man so viele Künstler und Intellektuelle in einer Menge zusammenstehen sehen. Mit Hilfe der Friedrich Naumann Stiftung, die vom jordanischen Amman aus agiert und in Syrien lange verboten war, wird nun in den Galerieräumen des Goethe-Instituts die Schau Clay, Country präsentiert. Der Künstler Ahmad Moualla und der Literaturwissenschaftler Hassan Abbas haben sie listig ersonnen, und man kann sie durchaus sehen als Sturmangriff auf die Diktatur in den arabischen Ländern überhaupt.

Auf große Stellwände sind Paare von Fotografie und Text aufgezogen, in denen Anspruch und Wirklichkeit der syrischen Gesellschaft aufeinander prallen. Die Texte handeln von den Menschen- und Bürgerrechten, die Syrien offiziell anerkennt. Sie sind teilweise sogar in der Verfassung festgeschrieben, aber keine durchgängige Praxis: Meinungsfreiheit, Wahlfreiheit, Versammlungsfreiheit. Nun werden sie überdeutlich eingefordert – von einem bärtigen Vollblutkünstler mit kragenlangem schwarzen Haar, der in Damaskus Berufsverbot hat und sich als Bühnenbildner und Beleuchter im Theater durchschlagen muss. Er hat Menschen aus Lehm geformt und die verblüffenden Skulpturen fotografiert – ironische Kommentare zu den Verfassungstexten, so heftig, dass man fast davor zurückprallt. Zum Thema Justiz ist da zum Beispiel ein großer Fleischerhaken zu sehen, an dem zwei menschliche Lehmfiguren wie bei einer Hinrichtung aufgehängt sind. Das versteht jeder sofort.

Das Staatsoberhaupt beim Kinderworkshop im Museum

Der Künstler, Ahmad Moualla, Professor in Paris, aber die meiste Zeit in Damaskus lebend, kennt keine Angst. »Ich bin auf der Suche nach der politischen Moral in Syrien und arbeite mit den elementarsten Stoffen, Lehm, Schlamm, Erde. Das sind die Materialien, aus denen die Menschen gemacht sind.« Moualla will mit seinen Fotos eine doppelte Botschaft verschicken – eine an die Islamisten, eine an die Regierung: »Beide haben keinen Begriff von der individuellen Freiheit, beide müssen lernen.« Unter dem Titel Guide to Citizenship sollen Mouallas Fotos auch als Buch erscheinen. Ihre Wirkung ist schon jetzt so stark, dass bereits der deutsche Botschafter im Irak Interesse angemeldet hat und die Schau schnellstmöglich auf Tournee schicken will – Richtung Bagdad, Kabul, Teheran. Und die syrische Staatsmacht? Sie verhält sich erstaunlich freundlich und tolerant. Der stellvertretende Kulturminister besucht sogar die Ausstellung und äußert sich anerkennend. Trotz aller Zweifel: Die Zeichen in Damaskus stehen auf Öffnung. Dafür lässt sich die Kunst gern instrumentalisieren.

Ähnliches gilt auch für das Nationalmuseum. Kürzlich kam Präsident Baschar al-Assad selbst, um ausgerechnet mit einem deutschen Künstler im Foyer zu fachsimpeln. Assad begrüßte den Hannoveraner Wolfgang Tiemann, der seit geraumer Zeit an verschiedenen Stationen der Welt unter dem Titel Paperroads der Geschichte des Papiers und seiner Tradition von China über die arabische Welt bis nach Europa nachgeht. Fast zwei Stunden sprach der Präsident mit dem Deutschen und ließ durchblicken, dass er sich selbst durchaus als Künstler versteht: In seiner Londoner Zeit, als er dort Medizin studierte, veranstaltete er sogar Ausstellungen mit seiner Fotokunst.

Der 46-jährige Tiemann war auf eigene Faust nach Syrien gekommen und hat die Ausstellung praktisch im Alleingang organisiert. Er brachte Schwergewichtiges mit: Monumentalkunst made in Germany, sechs Kisten mit über fünf Meter langen Aquatinta-Radierungen, die größten der Welt. Bilder als kulturgeschichtliches Kompendium: Vogelmotive, ägyptische Schriftzeichen neben chinesischer Kalligrafie, dazu viel Dunkel und wucherndes Grün. Da das Nationalmuseum dafür nicht einfach freigeräumt werden konnte, hingen die Rollen und Drucke bald von der Decke und bedeckten die alte syrische Kunst wie eine Folie.

Der Präsident kam nicht zur Vernissage, sondern besuchte einen Workshop für Kinder. In lockerer Freizeitkleidung diskutierte er über Stierköpfe, arabische Schriftzüge und die etwas naive Inschrift des Malers »Begegnungen schaffen Frieden«. Dass ein Präsident einem Künstler so lange zuhört, ist im Nahen Osten ganz und gar ungewöhnlich. Am nächsten Tag sind Tiemann und Assad auf Seite eins aller Zeitungen. Und doch scheint es Assad nicht nur um die übliche PR zu gehen; er sucht tatsächlich den Kontakt, will jede Chance nutzen, die die Tür zur Öffnung des isolierten Landes ein paar Zentimeter weit aufstoßen könnte.

Doch noch immer ist es ein Tabu, über den Staatspräsidenten zu schreiben. »Die Position des Präsidenten darf nicht kritisiert werden«, hatte ein Diplomat in Berlin vor der Reise gewarnt. Als unkritisierbar gilt auch der religiöse Proporz, der das Zusammenleben der vielen Minderheiten, der Drusen und Aleviten, der Ismailiten und Maroniten regelt. Nichts fürchten die Syrer so sehr wie das Auseinanderbrechen des Staates durch religiöse Brandreden wie im Libanon. Religion ist in Syrien Privatsache – was vielleicht auch daran liegt, dass der Präsident selbst der Minderheit entstammt: Er ist Alevit.

Baschar al-Assad hat es aber eigentlich gar nicht nötig, sich hinter Verboten zu verstecken – gerade weil er schüchterner, weniger machthungrig zu sein scheint als andere, wirkt er glaubwürdiger. Er verkörpert einen neuen Herrschertypus im Nahen Osten, ähnlich wie der junge König von Jordanien. Ganz anders als sein Vater, der gefürchtete Despot Hafis al-Assad, ist der Sohn eher ein Hamlet als ein Cäsar, einer, der gerne Augenarzt in England geworden wäre. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus Machtkalkül folgte er dem Ruf ins höchste Staatsamt.

2001 trat er an und versuchte sich an ein paar demokratischen Reformen. Die Pressefreiheit wurde größer, die Arbeit der Opposition erleichtert, der Zugang zum Internet ermöglicht. Doch all diese Änderungen wurden nach den Anschlägen vom 11. September rasch wieder zurückgenommen. Bei den syrischen Internet-Providern las der Geheimdienst mit; erst seit kurzem gibt es die nicht zensierten Anbieter Yahoo und Hotmail.

Die sich jetzt andeutende Liberalisierung ist Syriens zweite Chance, und sie muss unbedingt genutzt werden. Das Land steht wirtschaftlich am Abgrund. Die Preise steigen ins Uferlose, die Einkommen sinken. Die Wirtschaft liegt in den Händen von Oligarchen, Investoren halten sich zurück. Syrien braucht den Frieden, um zu überleben.

 
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