Die Freiheit lernenSeite 3/3
Ähnliches gilt auch für das Nationalmuseum. Kürzlich kam Präsident Baschar al-Assad selbst, um ausgerechnet mit einem deutschen Künstler im Foyer zu fachsimpeln. Assad begrüßte den Hannoveraner Wolfgang Tiemann, der seit geraumer Zeit an verschiedenen Stationen der Welt unter dem Titel Paperroads der Geschichte des Papiers und seiner Tradition von China über die arabische Welt bis nach Europa nachgeht. Fast zwei Stunden sprach der Präsident mit dem Deutschen und ließ durchblicken, dass er sich selbst durchaus als Künstler versteht: In seiner Londoner Zeit, als er dort Medizin studierte, veranstaltete er sogar Ausstellungen mit seiner Fotokunst.
Der 46-jährige Tiemann war auf eigene Faust nach Syrien gekommen und hat die Ausstellung praktisch im Alleingang organisiert. Er brachte Schwergewichtiges mit: Monumentalkunst made in Germany, sechs Kisten mit über fünf Meter langen Aquatinta-Radierungen, die größten der Welt. Bilder als kulturgeschichtliches Kompendium: Vogelmotive, ägyptische Schriftzeichen neben chinesischer Kalligrafie, dazu viel Dunkel und wucherndes Grün. Da das Nationalmuseum dafür nicht einfach freigeräumt werden konnte, hingen die Rollen und Drucke bald von der Decke und bedeckten die alte syrische Kunst wie eine Folie.
Der Präsident kam nicht zur Vernissage, sondern besuchte einen Workshop für Kinder. In lockerer Freizeitkleidung diskutierte er über Stierköpfe, arabische Schriftzüge und die etwas naive Inschrift des Malers »Begegnungen schaffen Frieden«. Dass ein Präsident einem Künstler so lange zuhört, ist im Nahen Osten ganz und gar ungewöhnlich. Am nächsten Tag sind Tiemann und Assad auf Seite eins aller Zeitungen. Und doch scheint es Assad nicht nur um die übliche PR zu gehen; er sucht tatsächlich den Kontakt, will jede Chance nutzen, die die Tür zur Öffnung des isolierten Landes ein paar Zentimeter weit aufstoßen könnte.
Doch noch immer ist es ein Tabu, über den Staatspräsidenten zu schreiben. »Die Position des Präsidenten darf nicht kritisiert werden«, hatte ein Diplomat in Berlin vor der Reise gewarnt. Als unkritisierbar gilt auch der religiöse Proporz, der das Zusammenleben der vielen Minderheiten, der Drusen und Aleviten, der Ismailiten und Maroniten regelt. Nichts fürchten die Syrer so sehr wie das Auseinanderbrechen des Staates durch religiöse Brandreden wie im Libanon. Religion ist in Syrien Privatsache – was vielleicht auch daran liegt, dass der Präsident selbst der Minderheit entstammt: Er ist Alevit.
Baschar al-Assad hat es aber eigentlich gar nicht nötig, sich hinter Verboten zu verstecken – gerade weil er schüchterner, weniger machthungrig zu sein scheint als andere, wirkt er glaubwürdiger. Er verkörpert einen neuen Herrschertypus im Nahen Osten, ähnlich wie der junge König von Jordanien. Ganz anders als sein Vater, der gefürchtete Despot Hafis al-Assad, ist der Sohn eher ein Hamlet als ein Cäsar, einer, der gerne Augenarzt in England geworden wäre. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus Machtkalkül folgte er dem Ruf ins höchste Staatsamt.
2001 trat er an und versuchte sich an ein paar demokratischen Reformen. Die Pressefreiheit wurde größer, die Arbeit der Opposition erleichtert, der Zugang zum Internet ermöglicht. Doch all diese Änderungen wurden nach den Anschlägen vom 11. September rasch wieder zurückgenommen. Bei den syrischen Internet-Providern las der Geheimdienst mit; erst seit kurzem gibt es die nicht zensierten Anbieter Yahoo und Hotmail.
Die sich jetzt andeutende Liberalisierung ist Syriens zweite Chance, und sie muss unbedingt genutzt werden. Das Land steht wirtschaftlich am Abgrund. Die Preise steigen ins Uferlose, die Einkommen sinken. Die Wirtschaft liegt in den Händen von Oligarchen, Investoren halten sich zurück. Syrien braucht den Frieden, um zu überleben.
- Datum 10.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.02.2005 Nr.7
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