Als ich abends ins Hotel zurückkomme, fragt mich ein irakischer Freund in scherzhaftem Ton: "Bist du noch heil?" Es lässt sich leicht scherzen, wenn man einen Tag in Bagdad überstanden hat. Wir haben es wieder einmal geschafft. Das nämlich denkt man immer im Irak, dass heute der letzte Tag sein könnte, den man erlebt.

Bereits im Juli, während meines letzten Aufenthalts, war die Lage für alle Ausländer schrecklich. Es half schon damals wenig, sich etwa als Franzose ausgeben zu wollen, in der Hoffnung, dass man geschont würde, nur weil man einem Land angehört, das nicht an der Invasion des Iraks teilgenommen hat. Schon damals gab es keinen Unterschied mehr. Plötzlich sind wir alle Fremde geworden. Wir alle wurden zu Amerikanern. Ob Mann oder Frau, ob Freiwilliger oder contractor, ob Engländer oder Italiener oder auch Iraker, der mit den Ausländern zusammenarbeitet. Jeder ist ein Ziel für Selbstmordattentäter, für Entführer und für Henker. Jeder hat seinen Preis: eine Million Dollar oder der Rückzug der ausländischen Truppen oder beides gleichzeitig. Wir haben gelernt, dieser Lage mit Fatalismus zu begegnen.

"Hast du eine Pistole? Hast du eine Splitterschutzweste?", fragt mich ein Deutscher, den ich im Büro eines irakischen Ministeriums treffe. Er ist entsetzt, als ich verneine. Wohl auch deshalb, weil er an mir nichts verdienen kann. Für Unternehmer, die auf der Suche nach einem guten Geschäft in den Irak kommen, stellt der Deutsche Häuser, Autos, Leibwächter und was sie sonst noch alles brauchen könnten zur Verfügung. Im Moment gibt es wenig Arbeit für ihn. Er sagt, er würde in den Urlaub fahren. Die meisten Geschäftsleute sind in die jordanische Hauptstadt Amman ausgewichen. Sie warten dort auf bessere Zeiten. Auch viele Journalisten reisen ab. Das Risiko für das eigene Leben ist zu groß, es ist zu schwierig, sich zu bewegen und zu arbeiten. Zweimal täglich fliegt Royal Jordan Airlines die Strecke Bagdad–Amman. Die Plätze sind immer vollständig ausgebucht.

Wie soll man sich schützen, wenn man nicht den Waffen vertrauen will? Man muss nach bestimmten Regeln leben: sich bewegen und möglichst nicht dabei auffallen, fast wie Verschwörer; immer das Tagesprogramm umstellen; die Strecken ändern, die man fährt; Verabredungen verschieben; nach Möglichkeit vermeiden, dass man in einem Verkehrsstau stecken bleibt. Vor allem aber: Man darf niemanden informieren, wohin man geht. Selbst irakische Freunde raten einem dazu, ihnen nicht zu vertrauen.

"Wir sind nämlich erpressbar", sagt mein Freund Khaled, "wenn sie meine Familie bedrohen oder meine Kinder entführen würden, dann weiß ich nicht, ob ich dich nicht verraten würde. Wenn wir uns treffen müssen, dann gib mir nur knapp davor Bescheid. Wenn du nicht kommen kannst, ruf an, damit ich weiß, dass du am Leben bist!" Den Irakern wird nach und nach bewusst, dass sie zwischen den Besatzern und den Terroristen eingeklemmt sind, dass sie sich in einer tödlichen Falle befinden – einer Falle, die für uns alle gestellt ist.

Die Angst vor einer Entführung ändert dein tägliches Leben völlig. Alle Vorsichtsmaßnahmen können nicht verhindern, dass es passiert. Deswegen ist es besser, alle Eventualitäten mit möglichst kühlem Kopf zu berücksichtigen. Morgens, bevor ich das Hotel verlasse, verstaue ich alles Lebensnotwendige wie Medikamente, Wasser und etwas Essen in meiner Tasche. Das Geld hingegen deponiere ich im Tresor des Hotels. Dann hinterlasse ich im Computer ein paar Nachrichten für den Fall, dass jemand nach mir suchen müsste, und gleichzeitig versuche ich, alles zu beseitigen, was eine solche Suche behindern könnte.

Die Entführung ist nicht das einzige Risiko in Bagdad. Ich rechne mit meinem Glück, die Iraker nennen es Allah, dass ich mich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befinde, wo gerade eine Autobombe hochgehen könnte. Man muss nach Möglichkeit auch den Militärkonvois ausweichen. Eine falsche Bewegung reicht, und der Maschinengewehrschütze, der auf einem gepanzerten Wagen sitzt, ballert drauflos.

Zwischen den Verabredungen gönne ich mir ein paar Augenblicke der Erholung. Ich gehe in das Café Hewar, was so viel heißt wie Dialog. Es befindet sich auf dem Gelände der Akademie der Schönen Künste. Ein prachtvoller, ruhiger Garten, in dem man einen nimu basra trinken kann, einen Tee, der mit getrockneten Zitronen zubereitet wird. Wie jeden Tag ist Kassim al-Sebti da, der fröhliche Maler, der das Café verwaltet und dem es auch gelingt, das eine oder andere Bild zu verkaufen. An diesem Tag aber tröstet ihn nicht einmal der Verkauf eines seiner Bilder. Er hat gerade einen Anruf bekommen. Sein Cousin Raheem und die gesamte Familie, Frau und drei Kinder, sind von einer Maschinengewehrsalve aus einem amerikanischen Panzerwagen erfasst und getötet worden. Raheem war an der US-Basis Island vorbeigefahren. Er war Taxifahrer. Er hat wahrscheinlich eine falsche Bewegung gemacht.