Auf fünf Bildschirmen blinken Kurven und Zahlen, aus dem Bett hängen Schläuche und Kabel, in der Mitte liegt ein Mensch. Ein Mann, dessen Herz nicht mehr ohne Hilfe schlägt, der allein nicht mehr atmen kann, dessen Leber und Nieren versagen. Er wurde aus einem gewöhnlichen Krankenhaus hierher gebracht, dort konnte ihm niemand mehr helfen. Nun liegt er auf der chirurgischen Intensivstation des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen.

Wer hier liegt, kämpft um sein Leben. Wer hier arbeitet, wird nach BAT bezahlt.

In dem hoch spezialisierten Krankenhaus in Bad Oeynhausen, nördlich von Bielefeld, werden jedes Jahr 4500 Menschen am offenen Herzen operiert, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Dennoch erhalten die Angestellten des Spitzenhospitals das gleiche Gehalt wie ihre Kollegen in jedem beliebigen Kreiskrankenhaus: strikt nach dem Bundesangestelltentarif des öffentlichen Dienstes (BAT). Ein Zwang, den Aly El Banayosy nicht akzeptieren mag.

"Hier richtet mir ein Krankenpfleger in 20 Minuten eine Maschine für die Leberersatztherapie ein", sagt der aus Ägypten stammende Oberarzt der Intensivstation, "und er weiß genau, wie er sie überwachen muss, dafür hat er extra eine Ausbildung absolviert. Trotzdem können wir ihm keinen Cent mehr bezahlen als irgendeinem Pfleger, der noch nie gehört hat, dass es so eine Maschine überhaupt gibt!" Auch für Ärzte seien die Tarifregeln widersinnig. Angenommen, ein Chirurg arbeite perfekt und sei deshalb um 15 Uhr mit einer Operation fertig; ein anderer dagegen mache Fehler, verursache eine Komplikation und brauche bis abends um acht. "Der bekommt dafür Überstunden gutgeschrieben und vielleicht sogar einen Zuschlag", erregt sich Banayosy, "dabei hat er dem Patienten geschadet!"

Für den Arzt ist klar: "Ein Land wie Deutschland, das zur Spitze gehören will, braucht ein anderes System."

Genau darum geht es bei den Verhandlungen, die Anfang dieser Woche in einem Tagungshotel in Potsdam begannen (und bei Redaktionsschluss noch nicht beendet waren). Um ein neues Tarifsystem im öffentlichen Dienst. Um neue Regeln für mehr als zwei Millionen Arbeiter und Angestellte. "Ein Riesenprojekt", sagt ver.di-Chef Frank Bsirske. "Eine kleine Revolution", meint Thomas Böhle, der Chef der kommunalen Arbeitgeber.

Die Revolution trifft die Beschäftigten in Krankenhäusern, Amtsstuben, Sparkassen und Flughäfen, in Elektrizitätswerken und im städtischen Busverkehr. Sie krempelt alles um, was bisher als typisch galt für den öffentlichen Dienst: Statt Zulagen nach Alter und Zahl der Kinder soll es künftig Prämien für besondere Leistungen geben, statt strikt geregelter Arbeitszeit mehr Flexibilität, statt Statusunterschieden eine gemeinsame Gehaltstabelle für Arbeiter und Angestellte, statt Unkündbarkeit einen Niedriglohnsektor.

Jahrzehntelang konnten sich die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes als heimliche Beamte fühlen. Jahrzehntelang blieben sie weitgehend unberührt von Kosten- und Wettbewerbsdruck. Vorbei. Längst müssen Krankenhäuser und Müllmänner mit privaten Unternehmen wetteifern. Weshalb sich Staat und Gewerkschaften mit einem neuen Problem konfrontiert sehen: Wie macht man den öffentlichen Dienst konkurrenzfähig – und sichert so die Arbeitsplätze? Das ist die entscheidende Frage, auf die man in Potsdam eine Antwort sucht.