Ein Flug in die Nacht, Landung zwischen weiß aufragenden Bergen im blauen Dämmerlicht am hohen Mittag, Weltendstimmung 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Hotel im Gewerbegebiet gleich neben dem Flughafen, drinnen ausgestopfte Eisbären, draußen Eiseskälte, Schneeberge, Polarnacht. Warum ist der Mensch im Januar in Nordnorwegen, wenn er nicht muss? Und noch nicht einmal Ski fahren kann!

Das weiß in diesem Fall der Himmel allein. Ich bin gekommen, um das Polarlicht zu sehen. Und ich bin nicht die Einzige. Scharen von jungen japanischen Frauen haben das Flughafenhotel bereits in Beschlag genommen, eingeflogen für drei Nächte aus Tokyo oder Nagasaki, um im Dunkeln ein paar fliegende Nachthemden, ein paar grüne und rote Lichttänze am Himmel zu sehen. Nordlicht-Pilgerinnen wie ich, ausgerüstet mit Fernrohr, großen Augen und großen Erwartungen.

Tromsø ist berühmt für seine Polarlichtspiele, nirgendwo sonst in Europa sollen die Himmelslichter so gut zu beobachten sein wie hier. Weiter oben am Nordkap nicht und erst recht nicht weiter im Süden. Hier, inmitten des so genannten Nordlichtovals, dem Gebiet, das den magnetischen Pol auf Grönland ringförmig umgibt, hier ist der Ort, wo es Nacht für Nacht erscheinen soll, das unheimliche Licht aus dem Weltall. Ihm allein gilt der kleine Transzendental-Tourismus in die nördlichste Universitätsstadt der Welt, wo im Winter die Sonne zwei Monate lang nicht mehr aufgeht und die blaue Dämmerung sich sanft über alles senkt, bis der Tag gegen halb drei in Dunkelheit versinkt.

"Das ist mehr als Natur, das ist Natur-Natur"

"Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet, / Ersehnt in sich den gleichen Ruhekern", schrieb der österreichische Dichter Theodor Däubler, der nie in Tromsø war, aber ein visionäres, lautstarkes Epos über das Nordlicht in und über uns hinterlassen hat. Ein über tausend Seiten andauernder, sehnsüchtig träumender Gesang über die nordische Nacht, über die blauen Feuerblüten, die am Himmel blühen und in uns, so Gott will, eine stumme Ahnung aufkommen lassen, vom tiefsten "Sinn von dieser Welt", von den verborgenen "Winken des Werdens". Und, besonders wichtig, weil zu Unrecht missachtet: von der Sehnsucht nach Dunkelheit.

So viel zum Überbau. In der Wirklichkeit rutsche ich am Nachmittag über vereiste Wege, vorbei an ICA-Supermarkt und Knäckebrotreklame zur Bushaltestelle. Rechts und links nichts als Schnee und Holzhäuschen, Holzhäuschen und Schnee, Mütter, die ihre Kleinen auf Skischlitten durch den dunklen Tag bugsieren, alte Damen mit laut klackernden Felleisen an den Füßen, tief unter mir der Fjord, in dem glitzernde Mondlicht-Fischchen auf- und abspringen.

Die Stadt ist eine Insel im Eismeer, umgeben von weißen Felsen und grünblauem Meer – im Grunde nichts als ein paar Quadratkilometer Menschenwärme mitten im wilden Norden, den weißen Weiten Lapplands. Eine Durchgangsstation zum Schlittenhundewechseln und Kaffeetrinken. So in etwa sieht sie immer noch aus, diese "das Tor zur Arktis" genannte Bretterbudenansammlung mit der vermutlich welthöchsten Kneipendichte pro Einwohner und einigen ungewöhnlich erfindungsreichen Kleiderläden. Roald Amundsen ist von hier ins ewige Eis aufgebrochen und sieht uns noch immer mit seinen schönen tieftraurigen Welterobereraugen an jeder dritten Straßenecke von irgendeinem Denkmalsockel herab an. Im Hafen liegt die Nordkapp jeden Abend kurz vor Anker, gegen Mitternacht macht das Kreuzfahrtschiff der Hurtigruten auf seinem Weg nach Süden hier Station.

Ich rutsche weiter, die Storgate rauf und runter, die kleine Flaniermeile, der Tromsø einen gewissen mondänen Ruf verdankt, den Kontrollblick stets am Himmel. Noch keine Nachricht von oben. Hier unten dagegen alles voll mit jungen Leuten, heftig brummendes Menschenaufkommen in den Kneipen, draußen vor der Tür ist kaum noch ein Kinderwagen-Parkplatz frei, unbesorgt lassen die jungen Frauen ihre Babys in der Polarnacht schlafen. Gelöst, heiter wirken die Norwegerinnen, glücklicher, weniger ferngesteuert als ihre deutschen Schwestern. Vielleicht fühlt man sich am Ende der Welt befreit vom ganzen beschwerlichen Rest. "Wir alle hier", erzählt Jon, ein Tromsøer Lehrer, der im Kebab-Imbiss neben mir Döner kaut, "sind Naturkinder." Wetter, Himmel, Nordlicht und Sturm sind Teil des Lebens, nicht nur Gegenstand der Abendnachrichten, Miniaturerlebnis auf dem Weg von der U-Bahn zum Büro. Wer hier lebt, auf dem Außenposten der Plastikwelt, spürt die Menschenwinzigkeit in der Natur, die man in den Ledersofa- und Resopaltisch-Käfigen, in denen man sein Leben für gewöhnlich absitzt, einfach vergisst.