Dieser Prozess ist ein Graus. Der Hauptangeklagte, Alexander Falk, tritt auf mit der Attitüde dessen, der als Einziger weiß, worum es geht und darum auch immer wieder versucht zu bestimmen, wo es langgeht. Gerhard Strate, der Star unter den anwesenden Verteidigern, belegt die Hamburger Justiz gleich zu Beginn mit einem kaum verbrämten Nazivergleich. Und Nikolaus Berger, der Vorsitzende Richter am Hamburger Landgericht, untergräbt seine Autorität schon dadurch, dass es ihm fast nie gelingt, pünktlich zu erscheinen.

Formalien? Einmalige Entgleisung? Nach zehn Verhandlungstagen ist zu berichten, dass es sich um symptomatische Erscheinungen handelt, um den Widerschein dessen, was bisher in der Sache falsch läuft. Und im Vorfeld der Hauptverhandlung falsch gelaufen ist.

Alexander Falk und fünf ehemaligen Mitstreitern wird vorgeworfen: Betrug, Kursmanipulation und Steuerhinterziehung. Sie sollen die Internet-Firma Ision AG im Jahr 2000 zu maßlos überhöhtem Preis an die britische Energis plc verkauft haben, welche bald darauf Pleite ging. Gelungen sei der prächtige Deal nur, weil die sechs sich verabredet hätten, das Ision-Rechenwerk schönzufärben. Im Klartext: Umsätze zu erfinden.

Scheinumsätze nennt man so etwas gewöhnlich. Und gelegentlich heißen sie auch so in diesem Saal. Zumeist ist allerdings von kontaminierten Umsätzen die Rede. Ein schönes Beispiel für die begrifflichen Unschärfen, die dieses Verfahren zu erdulden hat. Umsätze, die es nicht gibt, kann man nicht vergiften.

Kontaminiert ist vielmehr das Verhandlungsklima. Gleich zu Anfang hat Gerhard Strate über Rechtsbrüche geschimpft. Zentrale Beweismittel (vulgo: Akten) seien den Verteidigern vorenthalten, wichtige Entlastungszeugen nicht gehört worden. Am heftigsten erregt ihn und seine Kollegen aber, dass Falk und ein Mitangeklagter vor Prozessbeginn 18 Monate lang in Untersuchungshaft zubringen mussten. Dem kann man folgen, nicht aber der Assoziation, die Strate dazu einfällt - die Militärgerichtsbarkeit am Ende des Zweiten Weltkriegs.

So hagelt es denn Anträge, die rituell zurückgewiesen werden. Nikolaus Berger, der Vorsitzende, erzählt irgendwann ungerührt, er habe einen Sonderband Befangenheit anlegen lassen.

Dass Staatsanwälte und Verteidiger aufeinander losgehen, gehört zum schlechten Ton. Dass aber der Vorsitzende, bisher, nicht in der Lage ist, die Argumente zu bündeln und abzuarbeiten, ist doch eher unglücklich. Er wirkt merkwürdig unfrei, gezwungen, als sähe er sich am falschen Platz.