Am Tag der Premiere zeigt sich das real existierende Vorruhestandsparadies – das zum Freizeitpark umfunktionierte Braunkohlerevier – von seiner schönsten Seite. Golden steht die Februarsonne über dem gefluteten Tagebau. Silbern erstreckt sich der zugefrorene Senftenberger See bis zum lieblich bewaldeten Horizont. Solches Wetter hätte Volker Braun sich vor dreißig Jahren nicht träumen lassen: "In der mitteldeutschen Ebene verstreut / Sitzen wir, hissen Rauchfahnen / Verdreckte Gegend. Glückauf." Braun hat hier in der Niederlausitz noch eigenhändig malocht, er war Tiefbauarbeiter in Schwarze Pumpe und Maschinist in Burghammer. Damals regnete es Kohlenstaub, rumorten die Abraumbagger, jetzt herrscht diese gründlich gefilterte Friedhofsruhe, wie sie sich erst ab einer Arbeitslosenquote von dreißig Prozent einstellt. Nur die Schornsteine des Vitalhotels Lausitz-Therme dampfen.

Ein nihilistisches Lesedrama aus der Schublade des Berliner Ensembles

"Wenn schon kein Job, dann eben Urlaub", sagt Manne Krüger, die Hauptfigur in Volker Brauns neuem Theaterstück, das an der belgischen Küste spielt, aber auch von der Niederlausitz handelt. Deshalb hat die Neue Bühne Senftenberg es wohl uraufgeführt – weil es genau in diese postdramatische Landschaft mit ihrem totalen Mangel an handelnden Personen passt. Fast die Hälfte der Senftenberger ist seit der Wende abgewandert. Nun erzählt Braun von der Verwandlung des historischen Subjekts in ein unnützes Mitglied der Freizeitgesellschaft. "Wir haben keinen Feind", sagt der eine Verlierer zum andern, "darum können wir nicht gewinnen." Das nihilistische Lesedrama beschreibt den erzwungenen Urlaub als "Mühsal mit anderen Mitteln", es ist ein Autorenkommentar in verteilten Rollen, ein Pamphlet von jener konsequent gesellschaftskritischen Sorte, die außer Braun kaum ein zeitgenössischer Dramatiker schreibt. Über seine Witze kann man nicht lachen, seine Wahrheiten muss man im dornigen Gestrüpp der Anspielungen suchen.

Zwei Jahre schmorte das Stück in einer Schublade des Berliner Ensembles, bevor es nach Senftenberg weiterverkauft wurde. Dort treten nun die Braunschen Antihelden als retardierende Momente der festgefahrenen Menschheitsgeschichte auf: die Arbeitslosen, die Obdachlosen, der personifizierte Zeitgeist sowie die halb ersoffenen Flüchtlinge am schmalen Rand der Festung Europa. Von vorbeifahrenden Frachtern heruntergeworfen, werden die blinden Passagiere dort angeschwemmt, wo der einheimische Mob sich sonnt. Da bügelt ein Penner die Bild- Zeitung, da blickt das auf der Bühne platzierte Publikum hinaus auf das grün im Parkett wogende Meer.

Aus dem farcenhaften Text hat der Regisseur Sewan Latchinian eine Charaktertragikomödie gemacht, ein kabarettistisch angehauchtes Endspiel mit überdimensionalem Mond, makaberem Weltuntergangschor und Ukulele spielender Beach-Band. "Uuuuuh, fahrn wir diesen Monat noch, uuuuuh, irgendwohin?" Geschildert wird der ewige Feierabend, wie er dem gewesenen Kraftfahrer und nunmehrigen Strandburgenkönig Manne Krüger widerfährt. Dieser Krüger, gebürtig aus Guben (der Wilhelm-Pieck-Stadt, zwei Autostunden nordöstlich von Senftenberg), hat rübergemacht nach Ostende (anderthalb Tagesreisen nordwestlich), wo er den Schlaraffentraum vom Nichtstun verwirklicht. Eine Papierkrone schief auf dem Kopf, thront Manne im Campingstuhl. Prall wölbt sich die Müßiggängerwampe über den Rand der Trainingshose. Er kippt seine Büchse Tuborg: Der ehemalige König der Landstraße tankt auf, fährt aber nirgendwohin.

Listig hat Latchinian, der das Senftenberger Theater seit dem vergangenen Herbst leitet, die Hauptfigur mit seinem Amtsvorgänger Heinz Klevenow besetzt. Nun brilliert der abgedankte Intendant in der führenden Rolle des überflüssig gewordenen Proletariats, zeigt Mannes auftrumpfendes Gehabe als beredten Ausdruck eines ehrlich erworbenen, aber in Dünkel umgeschlagenen Klassenbewusstseins. Verächtlich schaut er auf das illegal eingewanderte Ausländerpack, er stammt ja nicht umsonst aus dem berühmt-berüchtigten Guben, wo militante Neonazis einen Schwarzen dazu trieben, durch eine Glastür zu springen.

Sie spielen das alte Herr-Knecht-Spiel: Puntila und Matti, Hinze und Kunze

Guben liegt ganz in der Nähe von Hoyerswerda und Hoyerswerda liegt gleich bei Senftenberg, wo Freitagabend die halbstarken Skins mit der aufgedrehten Kofferheule durch die Schlossgasse radeln, um die demokratische Stille ein bisschen zu stören: "Wir wissen, wo du wohnst…" Das ist die Situation, in der Sewan Latchinian (Jahrgang 1960, Sohn eines armenischen Kommunisten) die harmlose Senftenberger Bühne wieder zu einer starken moralischen Anstalt aufbauen will, zu einer "weltlichen Kirche", wie er sagt. Auf das Dach des Theaters hat er die Schichtglocken des ausgedienten Tagebaus montieren lassen, sie läuten nun die Vorstellungen ein. Ganze 23 Premieren zeigt er während seiner ersten Spielzeit. Er will wohl die kulturrevolutionäre Mission Christoph Schroths ("Wo ich bin, ist keine Provinz!") fortsetzen, der vor Jahren das Staatstheater Cottbus aufmöbelte. Manche hier, sagt Latchinian (lange am Deutschen Theater engagiert, dann Spielleiter in Neuss), hielten ihn für Iwan den Schrecklichen. Aber es habe ihn doch überrascht, als ein Nachwuchsnazi versehentlich an seiner Tür klingelte: Ob er hier richtig beim Obersturmbannführer sei? Es stellte sich dann heraus, dass der arbeitslose Nachbar gemeint war.